Nierentransplantation

Zuletzt aktualisiert am: 15.09.2020

Autor: Dr. med. S. Leah Schröder-Bergmann

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Synonym(e)

Nierenverpflanzung; NTX

Erstbeschreiber

Bereits im Jahre 1902 erfolgte die 1. experimentelle Nierentransplantation bei einem Hund (Keller 2010). Die erste humane Nierentransplantation führte U. Voronoy 1936 in Kiew durch. Sie misslang jedoch, da die Niere ihre Funktion nicht aufnahm. Im Jahre 1954 gelang es J. H. Harrison, J. E. Murray und J. P. Merril in Boston die erste erfolgreiche Nierentransplantation bei eineiigen Zwillingen durchzuführen (Pfitzmann 2001). In Deutschland erfolgte 1963 in Berlin die erste homologe Nierentransplantationen durch die Urologen W. Brosing und R. Nagel. Die Patientin verstarb aber nach 6 Tagen auf Grund einer Ruptur des Transplantates. Im Jahre 1965 gelang dem Urologen Winfried Vahlensieck (1929 - 2008) in Bonn die erste erfolgreiche Nierentransplantation in Deutschland (Halling 2015).

Hinsichtlich der Abstoßung des Transplantates war die Entwicklung von Immunsuppressiva von entscheidender Bedeutung. Im Jahre 1958 kam das Medikament Azithromycin auf den Markt und im Jahre 1981 das Ciclosporin A (Keller 2010).

 

Definition

Unter einer Nierentransplantation (NTX) versteht man die Implantation einer funktionstüchtigen Niere in den Körper eines Empfängers (Ullrich 2005).

Einteilung

Bei einer Nierentransplantation differenziert man zwischen einer

  • Lebendspende
  • Leichenspende (Ullrich 2015)

Vorkommen

Die Zahl der Nierentransplantationen liegt in Deutschland zwischen 2.000 – 2.500 Fällen pro Jahr. Der Anteil an Lebendspenden stieg bis zum Jahre 2006 auf 19 % an (Jocham 2007). Präemptive Transplantationen (Transplantation vor Einleitung einer Dialysebehandlung) erfolgen in Deutschland mit < 2 % nur selten, obwohl diese mit einer Verlängerung des Transplantatüberlebens und einem besseren Überleben des Patienten verbunden sind (Kasper 2015). Es stehen derzeit ca. 11.000 Patienten auf der Warteliste für eine Nierentransplantation (Herold 2020).

Differentialdiagnose

Bei einer Rejektion kann differentialdiagnostisch auch eine Nephrotoxizität vorliegen. Probleme bereitet dabei die diametral entgegengesetzte Therapie. Aus diesem Grund wird in den KDIGO- Leitlinien eine diagnostische Nierenpunktion vor Beginn jeder Rejektionstherapie zur Diagnosesicherung empfohlen (Kasper 2015).

Komplikation(en)

Postoperative Komplikationen wie z. B.:

  • akutes Nierenversagen der transplantierten Niere (bei ca. 50 % der Transplantationen von Leichennieren setzt die Nierenfunktion erst verzögert ein, so dass ein Dialysebedarf in den ersten 7 p. o. Tagen erforderlich ist)
  • Blutung
  • Thrombose im Bereich der Nierengefäße
  • Ureterleckage
  • Lymphozelen u. a.
  • Folgen der Immunsuppression; Die lebenslang erforderliche Immunsuppression führt:
    • - zu einer Häufung spezifischer Infektionen
    • - erhöht das Tumorrisiko um das 4-fache (Kuhlmann 2015)
  • Myokardinfarkt: Transplantierte Patienten mit Risikoprofil wie z. B. Diabetes mellitus bzw. kardiovaskulären Herzerkrankungen haben in den ersten 5 Jahren nach der Transplantation ein um ca. 30 % erhöhtes Risiko, an einem Myokardinfarkt zu erkranken (Kuhlmann 2015).
  • Zerebrovaskuläre Erkrankungen: Das Risiko, innerhalb der nächsten 15 Jahre nach der Transplantation an zerebrovaskulären Erkrankungen zu leiden, ist um ca. 15 % erhöht (Kuhlmann 2015).
  • Rejektion (Abstoßungsreaktion): Die Rejektion stellt eine histologisch nachweisbare Veränderung der Transplantatniere dar (Mühlfeld 2015), die sich mit Hilfe der Banff Working Classification of Renal Allograft Pathology (BANFF) in folgende Kategorien einteilen lässt:
    • Kategorie 1: normal
    • Kategorie 2: Antikörper-vermittelte Rejektion (Typ I-III)
    • Kategorie 3: Borderline Abstoßung (zellulär)
    • Kategorie 4: T-Zell-vermittelte Rejektion (Typ IA/B, IIA/B, III), cTCMR (Grad IA, IB, II)
    • Kategorie 5: Tubulusatrophie und interstitielle Fibrose (Grad I-III)
    • Kategorie 6: nicht Rejektions- bedingte Veränderungen:(Gäckler 2018)

Symptome einer Rejektion können sein:

  • Fieber
  • Spannungsgefühl im Bereich des Transplantatorgans
  • Schwellung (Kasper 2017)
  • Nierenfunktionsstörung
  • Bisweilen finden sich aber auch lediglich:
    • in den ersten p. o. Tagen ein verzögerter Abfall des Serumkreatinins (dieser sollte spätestens am 7. Tag durch Punktion geklärt werden)
    • Anstieg des Serumkreatinins
    • Abnahme der Harnmenge (Kasper 2017)

Bei Verdacht auf eine Rejektion sollten zwei adäquate Punktionszylinder mit wenigstens zehn Glomeruli und zwei kleinen Arterien gewonnen werden (Mühlfeld 2015).

zu Kategorie 2: Antikörpervermittelte Rejektion

Zu einer Antikörper- vermittelten Rejektion kommt es mitunter bereits wenige Tage nach der Transplantation. Ca. 20 % treten bereits innerhalb der ersten 3 Monate nach der Transplantation auf (Kuhlmann 2015). Die chronisch aktive Form der Antikörper- vermittelten Rejektion stellt die wichtigste Ursache für ein späteres Transplantatversagen dar.

Bei der Antikörper- vermittelten Rejektion lassen sich im Serum des Patienten donorspezifische Antikörper (DSA) nachweisen, die gegen das HLA- Antigen des Spenders gerichtet sind. Allerdings bestehen präformierte Antikörper bei ca. 30 % aller Transplantationspatienten bereits präoperativ und de novo entwickeln zwischen 20 % - 30 % der Patienten DSAs.

Histologisch sind bei diesen Patienten nachweisbar:

  • Störung der Mikrozirkulation
  • Endothelschädigung
  • immunhistochemischer Nachweis: C4d- positiv (Marker für die Transplantatabstoßung [Frei 2001]) (Herold 2020)

zu Kategorie 3: Borderline- Veränderungen: Die Borderline- Veränderung stellt eine pathologische Entität dar, deren klinische Bedeutung noch nicht klar definiert ist. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um eine T- Zell- vermittelte Rejektion, bei der zwar

  • eine Arteriitis fehlt
  • eine fokal bestehende Inflammation von 10 % - 25 % im Bereich des Interstitiums und
  • eine Tubulitis vorhanden sind (Gäckler 2018)

zu Kategorie 4: T- Zell- vermittelte Rejektion. Bei der T- Zell- vermittelten Rejektion finden sich histologisch typischerweise eine Endotheliitis und häufig nicht spezifische Veränderungen wie z. B. eine:

  • interstitielle Inflammation
  • Tubulitis (Gäckler 2018 / Mühlfeld 2015)

zu Kategorie 5: Tubulusatrophie und interstitielle Fibrose (Grad I-III): Früher wurde die Kategorie 5 als „chronische Allograft- Nephropathie (CAN)“ bezeichnet (Herold 2020).

Therapie

Die Nierentransplantation ist allen anderen Formen der Nierenersatztherapie hinsichtlich der Lebensqualität deutlich überlegen (Kuhlmann 2015).

Das Deutsche Transplantationsgesetz regelt Spende, Entnahme, Vermittlung und Übertragung von Organen und bei der Bundesärztekammer liegt die Richtlinienkompetenz für die Organtransplantation selbst. In den Beneluxstaaten, Deutschland, Kroatien, Österreich, Slowenien und Ungarn vermittelt Eurotransplant (ET) mit Sitz in Leiden seit 1967 (MacFee 2012) die Vermittlung von Spenderorganen (Herold 2020).

  • Indikationen für eine NTX:
    • terminale chronische Nierenerkrankung (Herold 2020)
  • Zeitpunkt für die NTX: Die Transplantationsfähigkeit eines Patienten ist ab einer GFR von < 15 ml / min / 173m2 KOF zu evaluieren und der Patient entsprechend vorzubereiten (Kuhlmann 2015). Die Vorbereitungen für die Transplantation sind parallel zu den Vorbereitungen für die Dialyse in die Wege zu leiten. Der Patient sollte auch auf die Möglichkeit einer präemptiven Transplantation (Transplantation vor Einleitung einer Dialysebehandlung) hingewiesen werden.

Zu den Vorbereitungen zählen:

  • die Patienten sind einem Transplantationszentrum vorzustellen, sobald absehbar ist, dass diese innerhalb eines Jahres permanent dialysepflichtig sein werden

  • bereits dialysepflichtige Patienten sollten nach medizinischer Stabilisation dem Transplantationszentrum vorgestellt werden (Kuhlmann 2015)

  • Kontraindikation einer Transplantation:
    • metastasierendes Malignom
    • aktive systemische Infektion, da sich diese unter einer Immunsuppression erfahrungsgemäß verschlimmern
    • Lebenserwartung unter 2 Jahren
    • fehlende Compliance
    • fortgeschrittene Arteriosklerose (Herold 2020)
    • schwerwiegende Erkrankungen anderer Organe
    • vorhersehbare schwerwiegende operativ- technische Probleme (Bundesärztekammer 2013)
    • Drogenabhängigkeit
    • Reversibilität des Nierenversagens
    • schwere psychiatrische Erkrankungen (Kuhlmann 2015)
  • Impfungen: Präoperativ sollten die Patienten über einen ausreichenden Impfschutz verfügen und diesen regelmäßig auffrischen lassen, wie z. B.:
  • Postoperativ sollten in den ersten 6 Monaten keinerlei Impfungen erfolgen (außer der Grippeschutzimpfung) und danach ausschließlich Impfungen mit inaktiven Totimpfstoffen (Lebendimpfstoffe sind wegen der lebenslangen Immunsuppression kontraindiziert) (Herold 2020)
  • Acceptable Mismatch- Programm (AM- Programm): Im Idealfall sollten Spender und Empfänger dieselbe Blutgruppe haben. Eine hohe Anzahl dialysierter Patienten ist jedoch hochimmunisiert und verfügt über HLA- AK. Während die Patienten auf der Transplantations- Warteliste stehen, sollte deshalb regelmäßig alle 3 Monate das Blut auf HLA- AK durch die sog. Panel- Reaktivitäts- Bestimmung untersucht werden (Herold 2020). Patienten mit HLA- Ak hätten eine sehr viel schlechtere Chance auf Zuweisung eines Transplantates, deshalb wurde ein sog. AM- Programm entwickelt, für das sich mit Hilfe der Mismatch- Probatility = MMP die Wahrscheinlichkeit berechnen lässt, mit der die HLA- Merkmale von Spender und Empfänger weitgehend übereinstimmen (Bundesärztekammer 2013). Für hochimmunisierte Patienten, die in das AM- Programm aufgenommen wurden, gelten deshalb folgende Blutgruppenregeln:
    • Spender 0 Empfänger 0, A, B, AB
    • Spender A Empfänger A, AB
    • Spender B Empfänger B, AB
    • Spender AB Empfänger AB (Herold 2020)

Interne Therapie

Infektionsprophylaxe: Postoperativ sollte der Patient umgehend erhalten:

  • Cotrimoxazol 480 mg oder 960 mg jeden 2. - 3. Tag für mindestens 3 Monate gegen Pneumocystis jirovecii
  • bei Unverträglichkeiten gegenüber Cotrimoxazol kann z. B. auf eine Pentamidin- Inhalation 300 mg 1 – 2 x monatlich ausgewichen werden
  • Valganciclovir über 3 – 4 Monate, sofern der Empfänger negativ und der Spender positiv auf das Zytomegalievirus (ZMV / HCMV) sind. Die Dosierung ist der jeweiligen Nierenfunktion anzupassen. (Herold 2020)

Zusätzlich sollten die Patienten im Rahmen der immunsuppressiven Behandlung prophylaktisch gegen Soor und Ulkuserkrankungen behandelt werden (Suwelack 2018). Therapieempfehlung: z. B. Ampho Moronal 4 x 2 ml und Cimetidin 200- 400 mg / d (Aktories 2017)

Immunsuppression: 

Zirkulierende Antikörper: Es besteht die Möglichkeit, durch eine Plasmapherese zirkulierende Antikörper zu eliminieren (Manski 2020). Die Plasmapherese kann prä- und postoperativ sowohl bei der Leichenspende als auch bei der Lebendspende eingesetzt werden (Morath 2013).Transplantierte Patienten bedürfen postoperativ – mit Ausnahme genetisch identischer Zwillinge (Kasper 2015) - der lebenslangen Immunsuppression (Herold 2020). Bei der Immunsuppression differenziert man zwischen einer Induktionstherapie und einer Erhaltungstherapie (Kasper 2015).

1. Induktionstherapie: Die Induktionstherapie soll eine frühe akute Rejektion (Abstoßung des Transplantates) verhindern und gleichzeitig die Nebenwirkungen der Steroide und der Calcineurininhibitoren (Basistherapie der Immunsuppressiva) vermindern (Kasper 2015). Die Induktionstherapie beginnt bereits zum Zeitpunkt der Transplantation am Tag 0, ca. 30 – 60 min. vor Öffnung der Anastomosen und wird i. d. R. über 3 Monate (Manski 2020) hinweg fortgesetzt (Suwelack 2018). Alternativ kann auch eine Kombinationstherapie mit einem mTOR- Inhibitor wie z. B. Sirolimus oder Everolimus, die die Zellteilung der T- Zellen verhindern, erfolgen. In Studien hat sich dadurch eine gravierende Verminderung des Malignomrisikos um bis zu 40 % gezeigt und für die nicht- melanozytäre Hauttumoren um 56 %. Allerdings ist das Mortalitätsrisiko ausschließlich für Empfänger einer Leichenspende durch Infektionen oder kardiovaskuläre Erkrankungen erhöht (Manski 2020 / Knoll 2014 / Siegmund- Schultze 2015). Folgende Therapiemodalitäten sind üblich:

  • Calcineurin- Inhibitoren (CNI): Standardmäßig erhalten die Patienten das Medikament Tacrolimus. Bei guter HLA- Übereinstimmung, Diabetes mellitus, erste NTX und BMI > 30 kann auch Ciclosporin A gegeben werden.
  • Steroide
  • IL- 2- Rezeptor- Antikörper wie z. B. Basiliximab bzw. dem polyklonalen Antikörper (Melloh 2010) z. B. Thymoglobulin (Suwelack 2018)
  • 1. a. Standardtherapie: Die Standardtherapie erhalten > 60 % der Patienten (Kasper 2015). Es handelt sich dabei um IL- 2- Rezeptor- Antikörper, die in der Lage sind, T- Zellen zu inaktivieren bzw. zu beseitigen. Zu dieser Medikamentengruppe zählt z. B. das Basiliximab. Basiliximab senkt außerdem nach der Transplantation die Mortalität im 1. Jahr nach der Transplantation um 25 %, das Risiko einer CVM- Erkrankung um 19 %, die Zahl der Rejektion um 28 % (Kasper 2015)
  • 1. b. Immunologische Hochrisikopatienten: Patienten mit einem immunologisch hohem Risiko wie z. B. zweite Transplantation, Z. n. Rejektion, nicht- akzeptable- HLA- Antigene (NAHA [Altermann 2019]) oder PRA% (Panel reactive Antibody: Dieses gibt den prozentualen Anteil der Zellen an, die mit dem Patientenserum reagiert haben [Gschwendtner 2018]) erhalten stattdessen den polyklonalen Antikörper Thymoglobulin (Suwelack 2018).

2. Erhaltungstherapie: Die Phase der Erhaltungstherapie erfolgt ebenfalls als Tripeltherapie, allerdings werden die Immunsuppressiva reduziert. Man verwendet hierbei z. B.

  • Calcineurin- Inhibitoren wie z. B. Tacrolimus oder Ciclosporin A (Suwelack 2018)
  • Immunsuppressiva wie z. B. das Nitroimidazol, Azathioprin oder das Mycophenolatmofetil (MMF) bzw. CellCept (Suwelack 2018)
  • Steroide

Hinweis: Sollte es zu Abstoßungen kommen, werden diese mit hochdosierten Steroiden oder mit Antikörpern gegen Immunzellen wie z. B. Rituximab behandelt (Manski 2020). Das relativ neu auf den Markt gekommene Immunsuppressivum Belatacept ist bei Epstein- Barr- Virus (EBV)- seronegativen Patienten kontraindiziert, da für diese Patienten unter der Behandlung mit Belatacept ein 9 x höheres Risiko auf eine Posttransplantations- Lymphoproliferative Erkrankung (PTLD) besteht (Herold 2020 / Ippoliti 2012).

 

Operative Therapie

Leichenspende: Patienten, die für eine Leichenspende in Frage kommen, müssen bei Eurotransplant Leiden (Niederlande) gemeldet werden, um auf einer Warteliste mit unterschiedlichen Dringlichkeitsstufen gelistet zu werden.

Die Allokation erfolgt durch das 1996 eingeführte Euro Transplant Kidney Allocation System (ETKAS). Die Punktevergabe erfolgt in Abhängigkeit von:

  • Blutgruppenkompatibilität
  • Mismatch- Wahrscheinlichkeit (s. o. "Therapie")
  • HLA- Übereinstimmung
  • Wartezeit
  • Ischämiezeit

Außerdem werden noch zusätzliche Punkte vergeben für

  • Hochdringlichkeit
  • Kinder, Jugendliche, Heranwachsende (Bundesärztekammer 2013)

Die Wartezeit auf eine Leichenspende beträgt derzeit durchschnittlich 5 – 6 Jahre (Herold 2020).

Lebendspende: Das Transplantationsgesetz legt genau fest, wer zur Lebendorganspende zugelassen wird (Kuhlmann 2015). Derzeit beträgt die Anzahl der Lebendnierenspenden ca. 30 % aller Nierentransplantate. Spender sind nahe Verwandte oder Personen aus dem näheren Umfeld des Betroffenen, die persönlich eng mit dem Empfänger verbunden sind (Herold 2020). Die Spender verpflichten sich zu einer lebenslangen Nachsorge (Kuhlmann 2015).

Relative Kontraindikationen für den Spender sind:

  • Übergewicht
  • gestörte Glukosetoleranz
  • erhöhtes Risiko zur Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 (Kuhlmann 2015)

Bei der Lebendspende besteht nach Vorbehandlung mit Rituximab und Immunsuppressiva die Möglichkeit der AB0- inkompatiblen Transplantation (Herold 2020).

  • Ischämiezeit: Wichtig für eine erfolgreiche Transplantation ist die Zeitdauer von der Entnahme des Organs bis hin zur Reperfusion. Man differenziert dabei zwischen warmer und kalter Ischämiezeit (Kuhlmann 2015).
  • warme Ischämiezeit:
    • die 1. warme Ischämiezeit umfasst die nur wenige Minuten dauernde Zeitspanne zwischen Sistieren der Durchblutung und Abkühlung des Transplantates auf ca. 4 Grad Celsius
    • die 2. warme Ischämiezeit umfasst die Zeitspanne zwischen Beginn der Anastomosierung bis hin zur Freigabe der Durchblutung
  • kalte Ischämiezeit: Als kalte Ischämiezeit wird die Zeitspanne zwischen Kühlung des Transplantates bis zum Beginn der Anastomosierung bezeichnet, die bis zu 36 h andauern kann (Herold 2020).

Eine warme Ischämiezeit von 30 min. bewirkt eine größere Gewebeschädigung am Organ und auch eine verspätete Organfunktion als eine kalte Ischämiezeit von > 24 h (Wüthrich 2013).

Operation: Die Spenderniere wird i. d. R. in die extraperitoneal liegende linke oder rechte Fossa iliaca transplantiert (Herold 2020)

Prognose

Postoperativ kommt es bei ca. 50 % der Leichennierentransplantate zu einer verzögerten Aufnahme der Nierenfunktion, die eine weitere ca. 7-tägige Dialyse erforderlich macht (Herold 2020). Die Lebenserwartung in Jahren in Abhängigkeit des Lebensalters beträgt bei

                      dialysierten Patienten:              transplantierten Patienten:

  • 18 – 34 Jahre:          27,22                                      41,5
  • 35 – 49 Jahre:           6,71                                        18,03
  • 50 – 59 Jahre:           5,12                                        11,18
  • 60 – 64 Jahre:          4,32                                        7,84
  • 65 Jahre und älter:  3,69                                         7,6 (Kuhlmann 2015)

Die Prognose nach einer NTX ist bei Patienten mit Lebendspende wegen der kurzen Ischämiezeit und der eventuell motivierteren postoperativen Compliance besser als bei Patienten mit Leichenspende (Herold 2020).

Entscheidend für die Prognose der Nierenfunktion sind:

  • eine optimale Blutdruckeinstellung von ≤ 140 / 90 mmHg bzw. bei Proteinurie von ≤ 130 / 80 mmHg
  • Behandlung einer eventuell bestehenden Hyperlipidämie mit Statinen (nicht bei Kindern < 10 Jahren einsetzen) Zielbereiche:
    • LDL-Cholesterin ≤ 130 mg/dl (bevorzugt ≤ 100 mg/dl)
    • Triglyceride < 500 mg/dl
    • Gesamtcholesterin < 250 mg/dl
    • Non-HDL-Cholesterin < 160 mg/dl (Tönshoff 2013)
  • Behandlung einer eventuell bestehenden Proteinurie (z. B. mit einem ACE- Hemmer in Abhängigkeit der Menge der Proteinurie [Eknoyan 2012])
  • Nikotinverzicht
  • Normalisierung des Körpergewichtes (Herold 2020)

Mortalität: Nach einer Nierentransplantation beträgt die 5- Jahresüberlebensrate bei Leichenspenden 77 % und bei Lebendspenden 85% (Herold 2020), wobei die besten Langzeitresultate bei präemptiven Transplantation (Transplantation vor Einleitung einer Dialysebehandlung) bestehen (Kuhlmann 2015). Obwohl die lebenslange Immunsuppression nach NTX zu einer Häufung spezifischer Infektionen führt und das Tumorrisiko unter Immunsuppression um das 4-fache erhöht ist (Kuhlmann 2015), stellen kardiovaskuläre Erkrankungen mit ca. 50 % (Herold 2020) die Haupttodesursache bei dialysierten Patienten dar. An 2. und 3. Stelle der Todesursachen stehen bei nierentransplantierten Patienten die durch eine Überimmunsuppression hervorgerufenen Infekte mit ca. 20 % (Herold 2020) und die Tumoren mit ca. 6 % [Herold 2020]). (Kasper 2015)

  • Mortalität bei Spendern: Bei einer Lebendnierenspende besteht auch für den Spender ein Mortalitätsrisiko. Es liegt in den ersten 90 Tage postoperativ bei 3,1 Fällen pro 10.000 Operationen. Die Langzeitmortalität ist – verglichen mit einem altersgleichen Kollektiv – jedoch nicht erhöht (Kuhlmann 2015).

Das Risiko für eine später auftretende terminale Nierenerkrankung ist bei den Spendern i. d. R. nicht erhöht. Allerdings trat in einer Studie bei 1 % der Spender eine Niereninsuffizienz auf, wobei Afroamerikaner ein deutlich erhöhtes Risiko zeigten (Herold 2020).

Nachsorge: Entscheidend für den Erfolg der Transplantation ist die regelmäßige Nachsorge. Dabei sollten in vorgegebenen Abständen:

  • im 1. Monat 1 – 2 x wöchentlich im Transplantationszentrum
  • in den ersten 3 Monaten 1 x wöchentlich im Wechsel mit niedergelassenen Nephrologen
  • wenigstens 1 x monatlich bis zum 6. Monat beim niedergelassenen Nephrologen und alle 2 Monate im Transplantationszentrum
  • bis zum 12. Monat alle 4 – 8 Wochen beim niedergelassenen Nephrologen und alle 3 Monate im Transplantationszentrum
  • nach dem 1. Jahr alle 4 – 8 Wochen beim niedergelassenen Nephrologen und alle 6 - 12 Monate im Transplantationszentrum (Suwelack 2018)

Die kleine Routine umfasst - neben der körperlichen Untersuchung – laborchemisch folgende Werte:

  • Serumchemie (Kreatinin / eGFR, Harnstoff, Na, K, Ca, P, Cl, LDH, GOT, GPT, GGT, AP, Bilirubin, Glucose, CrP, Ges-Ew)
  • Blutbild
  • Differentialblutbild
  • Bestimmung des Spiegels der Immunsuppressiva
  • Untersuchung des Spontanurins auf Proteinurie / Albuminurie
  • Urinsediment
  • ggf. Blutgasanalyse (Suwelack 2018)

Zur großen Routine zählen - neben der körperlichen Untersuchung – laborchemisch folgende Werte:

  • Serumchemie (Kreatinin / eGFR, Harnstoff, Na, K, Ca, P, Cl, LDH, GOT, GPT, GGT, AP, Bilirubin, Glucose, CrP, Ges-Ew)
  • Blutbild
  • Differentialblutbild
  • Gerinnung
  • Eisenstatus
  • HbA1c
  • PSA
  • TSH
  • Parathormon (PTH)
  • BNP
  • Lipidstatus
  • Bestimmung des Spiegels der Immunsuppressiva
  • Untersuchung des Spontanurins auf Proteinurie / Albuminurie
  • Urinsediment
  • ggf. Blutgasanalyse (Suwelack 2018)

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

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