Echinokokkose B67.0

Zuletzt aktualisiert am: 13.09.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Echinokokkeninfektion

Erstbeschreiber

Redi, 1684; Pallas, 1766; von Siebold, 1853

Definition

Parasitose hervorgerufen durch Vertreter der Gattung Echinococcus. 

Erreger

  • Hundebandwurm: Echinococcus cysticus = Echinococcus unilocularis = Echinococcus granulosus.
  • Fuchsbandwurm: Echinococcus alveolaris, Echinococcus multilocularis.
  • Hundebandwurm in Zentral- u. Südamerika: Echinococcus vogeli.

Einteilung

Einteilung je nach Erreger:

Vorkommen/Epidemiologie

Inzidenz selten. In Deutschland wurden im Jahr 2004 66 Erkrankungsfälle an zystischer Echinokokkose und 16 Erkrankungen an alveolärer Echinokokkose gemeldet. Von einer bisher nicht quantifizierbaren Untererfassung ist auszugehen. 

Ätiopathogenese

Die Gattung Echinococcus ist durch einen obligaten Wirtswechsel charakterisiert, bei dem die geschlechtsreifen, sehr kleinen Bandwürmer im Dünndarm von Endwirten (Fleischfresser, in Europa vor allem Hundeartige, selten Katzen) parasitieren, während sich das Larvenstadium in Organen von Zwischenwirten (meist Nagetiere und Schafe sowie Tiere, die den Endwirten als Nahrung dienen) entwickelt. Der Mensch ist ein klassischer Fehlwirt und wird von dem Larvenstadium der Echinokokken befallen.

Im Verdauungstrakt des Zwischenwirtes: Larvenstadium. Die Larven durchwandern die Darmwand, Befall vor allem von Leber, Lunge und Haut. Entwicklung von fertilen Finnen, die in Hydatiden mit dem Kot des Zwischenwirtes ausgeschieden werden und durch Kontamination von Nahrungsmitteln oder durch Verzehr von Teilen des Zwischenwirtes in den Endwirt gelangen.

Endwirte (Hauptwirte): Für Echinococcus granulosus: Hund, Fuchs; wilde Hunde (Dino, Schakal, Marderhund). Für E. multilocularis: Fuchs, sehr selten auch Hund oder Katze. Für E. vogeli: Kleine Nager (z.B. Agouti paca).

Entwicklung befruchteter Eier im Endwirt und Ausscheidung mit dem Kot in die Umwelt.

Klinisches Bild

  • Echinococcus cysticus (unilocularis) = Finnenstadium von Echinococcus granulosus: Hautzysten, weich-fluktuierende bis prall elastische, unverschiebliche, schmerzlose, bis zu faustgroße, subkutane Knoten. Klinische Symptome fehlen lange, schließlich Kompressionssymptome, tastbare Tumoren, Ikterus.
  • Echinococcus alveolaris (multilocularis) = Finnenstadium von Echinococcus multilocularis: Destruierendes Wachstum. Bei Befall der Haut: Große, blasige Tumoren mit transparentem, fluktuierendem Inhalt, Hydatidenschwirren.

Diagnose

Annamnese (Reise in Endemiegebiete, Kontakt zu Tieren), Röntgen Thorax u. Abdomen, Abdomensonographie, indirekter Immunofluoreszenztest (IFT), indirekter Hämagglutinationstest (IHAT), ELISA, Leberpunktion

Therapie

Verlauf/Prognose

Bei Resektionsmöglichkeit der Zystikus-Hydatiden günstig. Alveolaris-Zysten meist inoperabel, Letalität 50–75%.

Prophylaxe

Verhütungs- und Bekämpfungsmaßnahmen:

  • Effektive Verhütungs- und Bekämpfungsmaßnahmen durch eingehende Überwachung und Analyse von Erkrankungsfällen und Infektionen sowohl beim Menschen als auch bei Tieren. Auklärung der Bevölkerung über Infektionsrisiko und allgemeine Hygienemaßnahmen (insbesondere Hände- und Nahrungsmittelhygiene).
  • Eier, die von infizierten Tieren ausgeschiedenen werden, haben eine sehr hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Umwelteinflüssen und Desinfektionsmitteln. Sie können unter günstigen klimatischen Bedingungen über mehrere Monate infektiös bleiben. Dagegen überleben die Eier kurzzeitiges Aufkochen nicht und auch gegen Austrocknung sind sie sehr empfindlich.
  • Die regelmäßige Entwurmung von Hunden mit Praziquantel, Fleischbeschau und die sachgerechte Entsorgung von Schlachtabfällen sind die wichtigsten Maßnahmen, um die zystische Echinokokkose in Endemiegebieten unter Kontrolle zu bekommen bzw. die erreichte Kontrolle bzw. Eradikation aufrechtzuerhalten.
  • Alle bodennah wachsenden Nahrungsmittel, die möglicherweise mit dem Kot infizierter Endwirte kontaminiert sind, z.B. Beeren, Pilze, Gemüse, Salat und Fallobst, sollten vor dem Verzehr gründlich gewaschen und insbesondere in Gebieten mit erhöhtem Infektionsrisiko möglichst gekocht oder getrocknet werden.
  • Nach Arbeiten, bei denen Kontakt zu Erde bestanden hat, müssen die Hände gründlich gewaschen werden.

Zusätzliche erregerspezifische Maßnahmen können sein:

  • E. granulosus: Aus südlichen Ländern sollten keine Hunde nach Deutschland mitgebracht werden bzw. wenn dies doch geschieht, sollten sie unbedingt entwurmt werden. Unabhängig davon muss das Tier über einen Tollwut-Impfschutz verfügen.
  • E. multilocularis: Tot aufgefundene oder bei der Jagd erlegte Füchse und Marderhunde dürfen nur mit Schutzhandschuhen angefasst und müssen für den Transport in Plastiksäcke verpackt werden. Hunde, die von Jägern in Fuchsbauten eingesetzt wurden, sollen anschließend zur Minimierung des Risikos gründlich abgeduscht werden. Hunde sollten von möglicherweise infizierten Beutetieren ferngehalten werden. Kot von Hunden, bei dem nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich darin Bandwurmeier befinden, sollte vergraben oder verbrannt werden. Das gilt prinzipiell für den Kot von Nager verzehrenden Hunden, der nach Bandwurmbehandlungen abgesetzt wird, insbesondere in Hochendemiegebieten. Der Zugang von Füchsen und Marderhunden zu bodennah wachsenden Obst- und Gemüsekulturen sollte durch eine entsprechende Umzäunung eingeschränkt oder vermieden werden.

Maßnahmen für Patienten und Kontaktpersonen

  • Für erkrankte Personen sind neben der frühzeitigen Diagnostik und ggf. Einleitung einer Therapie keine spezifischen Maßnahmen erforderlich.
  • Kontaktpersonen von infizierten Tieren (z.B. Hund, Fuchs, Katze) sollten nach 4 Wochen sowie 6, 12 und 24 Monate nach dem wahrscheinlichen Kontakt serologisch untersucht werden, da so im Falle einer Infektion eine frühzeitige Überwachung und ggf. rechtzeitige Therapieeinleitung möglich wird. Bei anhaltendem Infektionsrisiko sollten die Kontrollen zweimal jährlich weitergeführt werden. Positive Testergebnisse müssen mit bildgebenden Verfahren verifiziert werden.

Maßnahmen bei Ausbrüchen

  • Ausbrüche durch eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung kommen nicht vor, da eine Übertragung von Mensch zu Mensch nicht erfolgt. Es ist jedoch möglich, dass durch infizierte Tiere u. U. regional vermehrt Erkrankungsfälle auftreten könnten.

Hinweis(e)

Dem RKI (Robert-Koch-Insitut) wird gemäß § 7 Abs. 3 IfSG der direkte oder indirekte Nachweis von Echinococcus sp. nichtnamentlich gemeldet. Die Meldungen müssen dem RKI spätestens 2 Wochen nach erlangter Kenntnis vorliegen

Literatur
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  1. Brainard DM et al. (2003) Images in clinical medicine. Thoracic echinococcosis. N Engl J Med 348: 528
  2. Chrieki M et al. (2002) Echinococcosis--an emerging parasite in the immigrant population. Am Fam Physician 66: 817-820
  3. Deutz A et al. (2000) Echinococcosis--an emerging disease in farmers. N Engl J Med 343: 738-739
  4. Kashyap AS et al. (2003) Thoracic echinococcosis. N Engl J Med 348: 2156-2157
  5. Kodama Y et al. (2003) Alveolar echinococcosis: MR findings in the liver. Radiology 228: 172-177
  6. Pallas PS (1766) Miscellanea zoologica: Quibus novae imprimus atque obscurae animalium species. Describuntur et observationibus iconbusque illustrantur. Petrum van Cleff, Den Haag
  7. Redi F (1684) Osservazioni intorno agli animali viventi che si trovano negli animali viventi. Pietro Martini, Florenz
  8. von Siebold CT (1853) Ueber die Verwandlung der Echinococcus-brut in Taenien. Z Wissen Zool 4: 409–425

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