Dekubitus L89.x0

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

bedsores; Dekubitalulkus; Druckgeschwür; pressure sores; pressure ulcer

Definition

Läsionen, die als Folge von lange anhaltendem Druck auf das Gewebe entstehen.

Einteilung

Ulkus-Klassifikation nach Tiefe des Befalls:
  • Grad I: epidermal
  • Grad II: subkutan
  • Grad III: subkutan mit Faszien und Muskeln
  • Grad IV: subkutan mit Sehnen, Knochen, Gelenken
  • Grad V: Unterminierung, Taschen, Fisteln.

Ätiopathogenese

Sowohl permanenter Druck als auch Reibung und Scherkräfte gegen einen festen Widerstand werden als ursächlich für Kompression und Schädigung versorgender Kapillaren und Nerven in Haut, Subkutis und Muskulatur diskutiert. Hieraus folgt eine konsekutive Minderperfusion und Malnutritution, wobei es einen gegenseitigen Zusammenhang zwischen Druck und Zeit zu geben scheint. Toxische Stoffwechselprodukte (Milchsäure, CO2, Pyruvate) werden durch die anaerobe Stoffwechselsituation angehäuft. Es folgen Ödembildung und zelluläre Infiltration durch erhöhte Kapillarpermeabilität und Gefäßdilatation der Arteriolen und Venolen, die auf dem Wege einer Shuntbildung durch Steal-Effekte die nutritive Zirkulation beeinträchtigen. Ischämie und Nekrosen sind die Folge.

Manifestation

Dekubitusgefährdet sind Patienten mit eingeschränkter Mobilität (Lähmung, Bewusstseinsstörung, Kachexie, hohes Lebensalter, posttraumatisch, postoperativ). Ein erhöhtes Risiko tragen Patienten mit herabgesetzter Sensibilität aufgrund einer Polyneuropathie (z.B. Diabetes mellitus) oder einer Erkrankung des Zentralnervensystems (z.B. multiple Sklerose).

Lokalisation

Hyp- oder anästhetische Areale (besonders an Knochenprominenzen: Kreuzbein, Trochanter, Schulterblatt, Ferse).

Klinisches Bild

Unterschiedlich große, tief, teils bis zu den darunterliegenden Knochen reichende Ulzerationen mit nekrotisch entzündlichen Auflagerungen sowie unterminierten taschenförmigen Wundrändern. Umgebende Haut entzündlich irritiert.

Histologie

Erste Veränderungen der Haut lassen sich bereits nach einer Stunde bei einem Druck von 60 mm Hg nachweisen. Es persistieren Fibrinablagerungen bei kaum vorhandener fibrinolytischer Aktivität aufgrund einer Sauerstoffdiffusionsbarriere.

Differentialdiagnose

Ulzera anderer Genese.

Therapie

Therapie allgemein

Prophylaxe

Zu vermeiden sind insbes. Fehler bei der Dekubitusprophylaxe (nach Diem):
  • Zu lange Umlagerungsintervalle
  • Fehlerhafte Lagerungstechnik
  • Verwendung nicht atmungsaktiver Lagerungsmaterialien (z.B. Gummiring)
  • Einsatz druckbelastender Lagerungshilfsmittel (z.B. Luftring)
  • Falsche Körperpflege (z.B. austrocknender Franzbranntwein)
  • Anwendung von Pudern oder Okklusivverbänden
  • Zu lange verordnete Bettruhe
  • Fehlende Physiotherapie.

Tabellen

Stadieneinteilung und Therapie des Dekubitus

Klinik

Therapie

Grad I

Hautrötung, die auf Fingerdruck verschwindet. Keine Schmerzen. Heilt bei Druckentlastung in kurzer Zeit ab.

Prophylaxe ist entscheidend! Möglichst schnelle Mobilisierung, Krankengymnastik, adäquate Lagerung sowie häufige und regelmäßige Umlagerung (mind. alle 2 Std.) bettlägriger Patienten (Umlagerungsplan!), durchblutungsfördernde Maßnahmen. Druckentlastung ggf. durch Lagerungshilfen: Wasserkissen, Spezialmatratzen, Dekubitusbetten (wechselnde Druckgradienten), Fersenring.

Grad II

Blasenbildung, bläulich livide Hautverfärbung, heftige Schmerzen (Epidermis und Dermis betroffen).

Druckentlastung wie Grad I! Zudem: Bei nässenden Veränderungen mit Blasenbildung feuchte Umschläge mit antiseptischen Zusätzen wie Kaliumpermanganat (hellrosa).

Grad III

Umwandlung in Nekrose, Ödem und Entzündung des Randbezirks; rückläufige Schmerzsymptomatik (Hautdefekt bis Periost).

Zudem: Abtragen von Nekrosen und reinigende, granulationsfördernde Externa (z.B. Fibrolan), Hydrokolloidfolien (z.B. Varihesive extra dünn), Abdeckung der Umgebung mit harter Zinkpaste. Ggf. Zinksprays (z.B. Desitin-Salbenspray). Vermeidung von Sekundärinfektionen und regelmäßige Abstriche (s.a. Ulkustherapie).

Grad IV

Offenes Dekubitusulkus (alle Schichten incl. Periost und evtl. Knochen beteiligt).

Abtragen der Nekrosen, Reinigung der Wunde s. Grad III. Druckentlastung und Umlagerung s. Grad I. Antibiose nach Antibiogramm. Chirurgische Konsultation, ggf. operative Sanierung, konsekutive VAC-Therapie und Defektdeckung. Abklärung einer Knochenbeteiligung.

Grad V

Unterminierung, Taschen, Fisteln


Evaluierung und Dokumentation des Dekubitalulkus

Ärztliches Gespräch:

Einschätzung der Schwere der Krankheit durch den Patienten

Vorerkrankungen, Familie, persönlich

Ulkusalter

unter 2 Wochen □

mehr als 2 Wochen □

Rezidivulkus □

1. Ulkus Jahr: □

Bisherige Behandlung

Bisherige Diagnostik

Ulkusklassifikation

Inspektion

Palpation

Sondierung

Grad I

Grad II

Grad III

Grad IV

Grad V

epidermal, dermal

subkutan

subkutan mit Faszien und Muskeln

subkutan mit Sehnen, Knochen, Gelenken

Untermination, Taschen, Fisteln

Ulkusgröße

Größte senkrecht aufeinander stehende Ø in cm

Ulkus-Lokalisation

Hinterhauptknochen Schulterblatt

Brustbein

Kreuz- und Steißbein

Sitzbein

Kniescheibe

Ferse Ohrmuschel

Schulter

Gr. Rollhügel

Knöchel

Blutdruck ( mm Hg)

Infektionsstatus

Überwärmung

Rötung

Schwellung

Schmerz

(calor)

(rubor)

(tumor)

(dolor)

Wundabstrich

Keime und Resistenzen

Schmerzbefund

Akut, nicht zyklisch

Akut, zyklisch

Chronisch

Blutzucker nüchtern

mg/dl

Blutzucker postprandial

mg/dl

Urinstatus

Literatur
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  1. Baumgarten M et al. (2003) Pressure ulcers and the transition to long-term care. Adv Skin Wound Care 16: 299-304
  2. Brem H et al. (2003) Wound-healing protocols for diabetic foot and pressure ulcers. Surg Technol Int 11: 85-92
  3. Diem D (1992) Dekubitusprophylaxe und Therapie. Hautarzt 43: 461
  4. Gillitzer R (2002) Modern wound management. Hautarzt 53: 130-45
  5. Schoeller T et al. (2003) Coverage of pressure sores with free flaps. Chirurg 74: 671-676
  6. SeilerWo (1987) Rationale Dekubitustherapie. Dtsch med Wochenschr 112: 889–890

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