Wurminfektionen B65-B83

Zuletzt aktualisiert am: 19.01.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

helminthiasis; helminthism; Helminthosen

Definition

Infektionen durch Würmer sind ein weltweites medizinisches Problem, das v.a. die Länder der Dritten Welt betrifft. Mit zunehmendem Tourimus spielen sie jedoch auch wiederum verstärkt in europäischen Ländern eine Rolle und gewinnen insofern an differenzialdiagnostischer Bedeutung.

Erreger

Übersicht s. Tab.

Einteilung

Grundsätzlich lassen sich aus dermatologischer Sicht 2 pathogenetisch unterschiedliche Konstellationen definieren:
  • Unspezifische, reaktive Hautzeichen (Dermadrome) auf einen internen Wurmbefall:
  • Spezifische Hautzeichen durch Invasion der Würmer in die Haut:
    • Hauterscheinungen durch externe Hautinvasion:
      • Larva migrans: u.a. Larven verschiedener Rundwürmer.
      • Larva currens: Sonderform der Larva migrans durch Strongyloides spp.
      • Ankylostomiasis: häufig; durch Ancylostoma duodenale [Hakenwurm der alten Welt] oder Ancylostoma braziliense und Necator americanus [Hakenwurm der neuen Welt] hervorgerufen; klinisch: Dermatitis an der Eindringstelle der Larven. Häufig Ekzematisierung und Superinfektion der Läsionen.
      • Zerkariendermatitis: Larven von meist vogelpathogenen Trematoden als Erreger der harmlosen in Europa und Nordamerika auftretenden Swimmer`s itch (= Badehosendermatitis).
      • Zerkariendermatitis: durch Larven von Schistosoma-Arten als Erreger der Bilharziose.
    • Hauterscheinungen durch "sekundäre interne" Hautinvasion aus einem wurmbefallenen anderen Organ (z.B. Eingeweidetrakt oder Blase):
      • Analpruritus und Pruritus vulvae: z.B. durch Oxyuren (s.u. Oxyuriasis).
      • Drakunkulose: Nematodeninfektion mit dem Medinawurm.
      • Zystizerkose: seltene Absiedelungen des Schweinebandwurms in der Haut mit Bildung von entzündlichen Knoten.
      • Filariosen: Infektionen mit Gewebsnematoden (Fadenwürmer), die in der Haut parasitieren.
      • Gnathostomiasis: Infektion durch den Fadenwurm (Spulwurm) Gnathostoma spinigerum und/oder Gnathostoma hispidum.
      • Echinokokkose: seltene Absiedlung des Hundebandwurms in der Haut mit Bildung bis zu faustgroßen Zysten.
      • Bilharziose: sekundärer Hautbefall: meist sind Genital- und Perigenitalregion mit indolenten, weichen Knoten und Fisteln befallen.

Klinisches Bild

  • Unspezifische (häufig allergische) Hautzeichen auf einen internen Wurmbefall.
  • Spezifische Hautzeichen durch Invasion der Würmer in die Haut
    • Hauterscheinungen durch externe Hautinvasion
    • Hauterscheinungen durch "interne" Hautinvasion aus einem wurmbefallenen anderen Organ (z.B. Eingeweidetrakt)

Therapie

Übersicht s. Tab.

Tabellen

Wichtige Erreger von Wurminfektionen

Helminthen im Verdauungstrakt

Lebensdauer/Lokalisation

Besonderheiten/ Nachweis im Stuhl bzw. Stuhlsuspension/ Infektionsweg in Endemiegebieten

Nematoden (Rund- oder Fadenwürmer, 90% der Diagnosen)

Ascaris lumbricoides (Spulwurm)

Monate/Dünndarm

Wurm makroskopisch zu erkennen (10-40 cm). Eier erst 9 Wochen nach Infektion zu finden, flottieren in Suspension. Infektion häufig durch Verzehr ungekochter Blattpflanzen in Endemiegebieten!

Trichuris trichiura (Peitschenwurm)

mehrere Jahre/Kolon

Eier flottieren in Suspension. Infektion häufig durch Verzehr ungekochter Blattpflanzen in Endemiegebieten!

Enterobius vermicularis (Madenwurm) = Oxyuren

Wochen/(Re-Infektion!) Ileozökum

Wurm makroskopisch zu erkennen (10 mm). Eier mit Klebefilm-Test am Anus nachweisbar, flottieren in Suspension.

Ancylostoma duodenale (Hakenwurm)

mehrere Jahre/Dünndarm

Nach 8 Wochen auf Eier kontrollieren. Infektionsweg: Haut-Boden-Kontakt (warme, feuchte Böden).

Strongyloides stercolaris (Zwergfadenwurm)

Dünndarm

Keine Kortikoide anwenden! Infektionsweg: Haut-Boden-Kontakt (warme, feuchte Böden).

Zestoden (Bandwürmer, 9% der Diagnosen)

Taenia saginata (Rinder(finnen)-bandwurm)

mehrere Jahre/Dünndarm

Wurm makroskopisch zu erkennen.

Hymenolepis nana (Zwergbandwurm)

Tage (Re-Infektion!)/Ileum

Infektion durch Aufnahme von Eiern mit verunreinigter Nahrung oder als Schmierinfektion bei mangelhaften hygienischen Verhältnissen. Eier sind mikroskopisch nachweisbar.

Diphyllobothrium latum (Fischbandwurm)

mehrere Jahre/Dünndarm

Wurm makroskopisch zu erkennen.

Trematoden (Saugwürmer oder Egel, 1% der Diagnosen)

Schistosoma mansoni, Schistosoma haematobium (Pärchenegel)

Jahrzehnte/ Mesenterialgefäße

Infektion bei Baden in Süßwasser.

Clonorchis sinensis (chin. Leberegel)

Jahrzehnte/ Gallenwege

Infektion durch Verzehr von rohem Fisch.

Fasciola hepatica (großer Leberegel)

Jahrzehnte/ Gallenwege

Infektion durch kontaminiertes Trinkwasser oder Nahrungsmittel (z.B. Fallobst).

Heterophyes heterophyes (Zwergdarmegel)

Jahrzehnte/ Dünndarm

Infektion durch Verzehr von rohem Fisch.


Therapie von Wurmerkrankungen (modifiziert nach Simon/Stille)

Wurmart

Antihelminthika

Bemerkungen

Alternativen

Ascaris

Pyrantel (z.B. Helmex) 10 mg/kg KG als Einmaldosis (max. 1 g)

NW: Diarrhoe, Übelkeit, Erbrechen, nicht in der Schwangerschaft

Mebendazol (z.B. Vermox forte)

Enterobius

Pyrantel 10 mg/kg KG/Tag (max. 1 g), Wiederholung nach 1 Woche

Häufig Rezidive, Familie mitbehandeln

Mebendazol, Pyrvinium (z.B. Molevac)

Trichuris (Peitschenwurm)

Mebendazol Erw. und Kinder: 2mal/Tag 100 mg über 3 Tage

NW: Diarrhoe, Bauchschmerzen, nicht in der Gravidität

Albendazol (z.B. Eskazole), Ivermectin (z.B. Mectizan)

Trichinella

Mebendazol Erw. und Kinder: 3mal/Tag 300 mg über 3 Tage, dann 3mal/Tag 500 mg über 10 Tage

Herxheimer Reaktion. Glukokortikoid Porphylaxe z.B. Prednisolon 40-60 mg/Tag

Ivermectin

Hakenwurm (Ankylostoma duodenale)

Pyrantel (z.B. Helmex) einmal 10 mg/kg KG/Tag (max. 1 g)

Gastrointestinale Störung, Fieber, Exanthem. Pyrantel nicht bei Leberfunktionsstörungen anwenden!

Mebendazol, Bephenium (Alcopar), Ivermectin

Larva migrans

10% Tiabendazol (z.B. Mintezol). Suspension lokal auftragen

Toxocara

Diethylcarbamazepin (z.B. Hetrazan) 0,5 mg/kg KG/Tag über 3 Tage, dann lgs. steigern auf 3 mg/kg KG/Tag über 21 Tage

Nur bei schweren Erkrankungen und ungünstiger Lokalisation (z.B. Auge), ggf. zusätzlich Prednisolon in mittleren Dosierungen (z.B. bei Hypoxie durch Lungenbeteiligung)

Tiabendazol

Strongyloides (Zwergfadenwurm)

Tiabendazol 2mal/Tag 25 mg für 3 Tage (max. 3 g/Tag)

Auch asymptomatische Formen behandeln

Mebendazol, Albendazol

Filarien

Diäthylcarbamazepin 3mal 2 mg/kg KG/Tag über 3 Wochen

Allergie durch Lysis der Parasiten (Fieber, Urtikaria), evtl. Glukokortikoide intern.

Ivermectin

Dracunculus (Medina-Wurm)

Metronidazol (z.B. Clont) 2mal/Tag 5 mg/kg KG/Tag für 10–20 Tage oder 2mal/Tag 25 mg/kg KG/Tag

Wenn möglich, Extraktion des Wurmes

Tiabendazol

Taenia saginata, Taenia solium

Niclosamid (z.B. Yomesan) einmal 2 g; Kinder 2–8 J.: 1 g; Kinder < 2 J.: 0,5 g

Kein Abführen, Abgang des Wurmkopfes notwendig

Praziquantel

Zystizerken (Finnen von Taenia solium)

Praziquantel: 17 mg/kg KG/Tag in 3 ED über 14 Tage

Leibschmerzen, Kopfschmerzen, Benommenheit, Urtikaria

Fischbandwurm (Diphyllobothrium latum)

Niclosamid 1mal 2 g, Kinder: s. oben

Evtl. Vit. B12, kein Abführen, Abgang des Wurmkopfes notwendig

Hymenolepsis nana (Zwergbandwurm)

Praziquantel (z.B. Cesol) einmal 25 mg/kg KG

Leib- und Kopfschmerzen, Benommenheit, Urtikaria

Niclosamid

Echinococcus (Hundebandwurm)

Mebendazol Tag 1–3: 2mal/Tag 500 mg p.o., Tag 4–6: 3mal/Tag 500 mg p.o., anschließend 3mal/Tag 1000–1500 mg p.o. über 4–6 Wochen bei zystischer E., bei alveolärer E. bis zu 2 Jahren. Ggf. Kombination mit Praziquantel

Parasitolyse mit Zystenruptur möglich, oft keine komplette Elimination

Operation, Albendazol

Bilharzia (Schistosoma mansoni)

Praziquantel einmal 40 mg/kg KG

Leib- u. Kopfschmerzen, Benommenheit, Urtikaria

Oxamniquin (z.B. Mansil)

Paragonimus (Lungenegel)

Praziquantel 3mal/Tag 25 mg/Kg KG über 2 Tage

Leib- u. Kopfschmerzen, Benommenheit, Urtikaria

Bithionol (z.B. Actamer)

Clonorchis (chinesischer Leberegel)

Praziquantel 3mal/Tag 25 mg/kg KG, Einmaldosis

Leib- u. Kopfschmerzen, Benommenheit, Urtikaria

Fasciola hepatica

Bithionol (z.B. Bitin) 40 mg/kg KG jeden 2. Tag, insgesamt 10–15 Dosen

Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Photosensibilisierung, Kardiotoxizität


Wirkungsspektrum der verschiedenen Chemotherapeutika (modifiziert nach Forth)

Parasiten

Tiabendazol

(z.B. Mintezol)

Pyrantel

(z.B. Helmex)

Mebendazol

(z.B. Vermox)

Ivermectin

(z.B. Mectizan)

Pyrivinium

(z.B. Molevac)

Bephenium

(z.B. Alcopar)

Ascaris

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Enterobius

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Trichuris

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Hakenwurm

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Strongyloides

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Trichinella

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Larva migrans

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Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Enk CD et al. (2003) Onchocerciasis. Hautarzt 54: 513-517
  2. Garcia HH et al. (2004) A trial of antiparasitic treatment to reduce the rate of seizures due to cerebral cysticercosis. N Engl J Med 350: 249-258
  3. Ito A et al. (2003) Human Taeniasis and cysticercosis in Asia. Lancet 362: 1918-1920
  4. Kern (1991) Extraintestinale Helminthiasen. Therapiewoche 41: 1074–1080
  5. Ponnighaus JM et al. (2001) Cutaneous manifestation of cysticercosis. Hautarzt 52: 1098-1100
  6. Simon C et al. (1989) Antibiotika Therapie. Schattauer Verlag

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