Varizellen B01.9

Zuletzt aktualisiert am: 26.06.2018

Autoren: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer, Dr. med. Franziska Löffel

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Synonym(e)

chicken pox; petite vérole volante; Schafblattern; Wasserpocken; Windpocken

Definition

Erstinfektion nicht-immuner Personen mit dem Varizella-Zoster-Virus. Die Infektion hinterläßt lebenslange Immunität. Die endogene Reinfektion führt zum Krankheitsbild des Zosters.

Vorkommen/Epidemiologie

  • Die Anzahl der Windpockenerkrankungen (keine Meldepflicht) wird für Deutschland auf 750.000/Jahr geschätzt. Insgesamt erkranken ca. 75% der Kinder unter 15 Jahren, darunter ca. 310.000 (41,5%) im Alter von 0 bis 5 Jahren, ca. 320.000 (42,4%) im Alter von 6 bis 12 Jahren sowie ca. 65.000 (8,8%) im Alter von 12 bis 15 Jahren. Die Inzidenz schwerer Verläufe bei hospitalisierten Kindern < 16 Jahre liegt bei 0,8/100.000 Kinder.
  • In der Altersgruppe der 10- bis 11-Jährigen liegt die Durchseuchungsrate bei 94%. Bei Jugendlichen und Erwachsenen bis zu 40 Jahren bestehen noch Immunitätslücken von ca. 3 bis 4%.
  • Die Mortalität der Varizellen liegt nach internationalen Untersuchungen zwischen 0,03 und 0,05 je 100.000 Personenjahre. Die tatsächliche Zahl der Varizellen-bedingten Todesfälle in Deutschland liegt bei 20-40 Todesfälle/Jahr (ca. 0,03/100.000 Einwohner/Jahr).
  • Diaplazentare Übertragung: Eine Übertragung des Virus über die Plazenta ist selten, kann aber in 1-2% der Fälle bei Schwangeren zu einer kongenitalen Infektion führen, sofern die Erkrankung zwischen der 5. und 24. Schwangerschaftswoche aufgetreten ist.

Ätiopathogenese

Übertragung des Virus von einem Varizellen- oder Zoster-Patienten durch Tröpfchen- oder Schmierinfektion, insbes. durch Kontakt mit Speichel oder Flüssigkeitsinhalt der Bläschen sowie Niesen oder Husten.

Manifestation

Vor allem im Kindesalter auftretend (2/3 aller Fälle im 5. bis 9. Lebensjahr); selten bei Erwachsenen (Varicellae adultorum); sehr selten 2. Auftreten von Varizellen als Reinfektion bei Erwachsenen.

Lokalisation

Befall in kranio-kaudaler Richtung. Zuerst Kopfhaut (häufig Befall der behaarten Kopfhaut!) und Mundschleimhaut (Befall nahezu obligat; merke: bei V.a.Varizellen immer die Mundschleimhaut inspizieren!); anschließend  Stamm und Extremitäten. Handflächen und Fußsohlen bleiben meistens ausgespart.

 

 

Klinisches Bild

  • 95% der Infektionen verlaufen klinisch manifest. Die Inkubationszeit beträgt meist ca. 14 Tage (9-23 Tage). Nach kurzem Prodromalstadium zeigen sich leichtes Fieber, deutlicher Juckreiz und Exanthem.
  • Integument: Schubweises Aufschießen kleiner roter Flecken mit raschem Übergang in Papeln und Bläschen. Eintrübung des zunächst wasserklaren Bläscheninhalts, Ausbildung von fest haftenden Krusten, die nach 2-3 Wochen ohne Hinterlassung von Narben abfallen. Polymorphes Exanthembild durch die gleichzeitig vorhandenen verschiedenen Entwicklungsphasen der Effloreszenzen ( Heubnersche Sternkarte). Durch  Kratzeffekte und Sekundärinfektion können varioliforme Narben zurückbleiben. Hämorrhagische oder bullöse Umwandlung möglich. Schleimhäute: Gelblich bedeckte, von einem roten Saum umgebene Erosionen.
  • Bei Kindern meist komplikationsloser Verlauf ohne Begleitsymptome, selten Lymphknotenschwellung.
  • Bei Erwachsenen meist schwerer Verlauf mit ausgeprägten Allgemeinsymptomen, Krankheitsgefühl, Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen und Lymphknotenschwellung.

Histologie

Zunächst mehrkammeriges, später einkammeriges Bläschen; ballonierende Degeneration der Basalzellen; epidermale Riesenzellen. Bläschenausstrich: Multinukleäre epitheliale Riesenzellen, Einschlusskörperchen.

Differentialdiagnose

Komplikation

  • Impetiginisation, Hautgangrän, Bronchitits, Varizellenpneumonie (20-30/10.000 Erwachsene), aseptische Meningoenzephalitis, akute zerebelläre Ataxie (2-3/10.000 Kinder). Otitis media, Nephritis, Arthritis, Myokarditis, Purpura fulminans, Reye-Syndrom, bakterielle Sepsis ausgehend von der Haut (2-3/10.000 Kinder), Organbefall v.a. bei immunsupprimierten Patienten.
  • Infektion während der Schwangerschaft: Inzidenz: 1-3/1000 Schwangerschaften. Diaplazentare Infektion etwa 25%. Bei 1-12% aller Infizierten kommt es zu einem " Kongenitalen Varizella-Syndrom".

Externe Therapie

Interne Therapie

Prophylaxe

  • Seit August 2004 ist die Varizellen-Schutzimpfung (aktive Immunisierung) von der STIKO (Ständige Impfkommission) für alle Kinder und Jugendlichen empfohlen. Die Impfung sollte vorzugsweise im Alter von 11-14 Monaten durchgeführt werden, kann jedoch auch jederzeit danach erfolgen. Noch ungeimpfte 9- bis 17-Jährige ohne Windpockenanamnese sollten geimpft werden, da die Erkrankung bei ihnen mit einer höheren Komplikationsrate einhergeht. Außerdem ist eine Impfung bei seronegativen Frauen mit Kinderwunsch, bei seronegativen Patienten mit einer immunsuppressiven Therapie, bei Patienten mit Leukämie, bei Patienten mit schwerem atopischen Ekzem sowie bei seronegativem Personal im Gesundheitswesen indiziert.
  • Bei ungeimpften Personen mit negativer Windpockenanamnese und Kontakt zu Erkrankten ist eine postexpositionelle Impfung innerhalb von 5 Tagen nach Kontakt oder innerhalb von 3 Tagen nach Beginn des Exanthems zu erwägen.
  • Eine Prophylaxe nach Kontakt mit einem Varizellen-Erkrankten mittels einer passiven Immunisierung (Varizella-Zoster-Immunglobulin) wird innerhalb von 96 Stunden nach Kontakt für Personen mit erhöhtem Risiko für Komplikationen empfohlen. Sie kann den Ausbruch einer Erkrankung verhindern oder deutlich abschwächen. Zu diesem Personenkreis zählen ungeimpfte Schwangere mit fehlender Windpocken-Anamnese, immungeschwächte Patienten mit unbekannter Immunität und Neugeborene, deren Mutter 5 Tage vor bis 2 Tage nach der Entbindung an Varizellen erkrankte.
  • Aktive Immunisierung (Lebendvakzine): Varilrix 0,5 ml s.c. z.B. bei HIV-positiven Pat. ohne Varizella-AK und bei negativer Varizellen-Anamnese. AK-Kontrolle und bei mehr als 200 CD4 Zellen/µl, bzw. nach Absprache mit HCV-Spezialisten, nach 3 Monaten ggf. Wiederholung bei nicht ausreichendem Impfschutz. Alternativpräparat: Varivax. Cave! Kontraindikation: Schwangerschaft, massive Immunsuppression, stattgehabte VZV-Infektion.
  • Passive Immunisierung mit Varicella-Zoster-Hyperimmunglobulin (z.B. Varitect, Varicellon), bis spätestens 96 Std. nach Exposition. Varitect: Einmalig 1 ml/kg i.v. oder Varicellon: Mindestens 0,2 ml/kg KG i.m.

Tabellen

Systemische antivirale Therapie bei Immunsupprimierten

Immunstatus

Wirkstoff

Dosierung

CD4-Zellen > 200/µl

Aciclovir (z.B. Zovirax)

5mal/Tag 12 mg/kg KG p.o. = 5mal/Tag 1 Tbl. Zovirax 800

Famciclovir (Famvir)

3mal/Tag 250 mg p.o. = 3mal/Tag 1 Tbl. p.o.

Valaciclovir (Valtrex)

3mal/Tag 1000 mg p.o. = 3mal/Tag 2 Tbl. à 500 mg p.o.

Brivudin (Zostex) (nicht zugelassen bei immunsupprimierten Patienten)

1mal/Tag 125 mg p.o. über 7 Tage; nicht in Kombination mit 5-Fluorouracil anwenden!

CD4-Zellen < 200/µl

Aciclovir (Zovirax)

3mal/Tag 10 mg/kg KG i.v. alle 8 Stunden über 10 Tage

Foscarnet (Foscavir) Bei Aciclovir-Resistenz (nur bei intakter Nierenfunktion anwenden)

3mal/Tag 40 mg/kg KG i.v. = 3mal/Tag 2400 mg i.v., jeweils auf 100 ml Glukose 5%, auf 500 ml verdünnt über 1 Stunde infundieren, Dauer unbegrenzt.

Hinweis(e)

Seit dem 29. März 2013 besteht gemäß Infektionsschutzgesetz für Ärzte und Labore eine bundesweite Meldepflicht für Windpocken.
 

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

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