Urticaria pigmentosa Q82.2

Zuletzt aktualisiert am: 17.08.2018

Autoren: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer, Pia Nagel

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Synonym(e)

Braunmensch; Cutaneous mastocytosis; Generalisierte kutane Mastozytose; Kutane Mastozytose; Mastozytose-Syndrom; Mastzellenretikulose; Morbus Rywlin; Nettleshipsche Krankheit; Nettleship-Syndrom; Urtikaria pigmentosa

Erstbeschreiber

Nettleship, 1869; Sangster, 1878

Definition

Die Urticaria pigmentosa ist der weitaus häufigste Typ der kutanen Mastozytosen. Die frühkindlichen Formen der kutanen Mastozytose entsprechen meist dem klinischen Bild des solitären oder mehrzähligen Mastozytoms. 

Dem Krankheitsbild der Urticaria pigmentosa unterliegt eine klonale Erkrankung der CD34+ hämatopoetischen Stammzelle im Knochenmark mit Ausbildung klinisch distinkter Krankheitsbilder, die durch Mastzellenanreicherungen in der Haut (und ggfl. auch in inneren Organen  -v.a. Knochenmark, lymphatische Organe) gekennzeichnet sind. 

  • Bei der kutanen Mastozytose vom Typ der Urticaria pigmentosa beschränkt sich die Proliferation der Mastzellen im wesentlichen auf die Haut.   
  • Eine systemische Mastozytose kann mit oder ohne Hautveränderungen (Hautveränderungen entsprechen i.A. dem klinischen Bild der Urticaria pigmentosa) auftreten. Eine systemische Mastozytose beginnt meistens im Erwachsenenalter. Die klinische Sympotmatik ist heterogen und abhängig von der Mastzelllast.  Anaphylaktische Reaktionen und weitere durch Mastzellmediatoren ausgelöste Reaktionen wie Flush-Symptome, Pruritus, Urtikaria, Asthmaanfälle, abdominale Beschwerden wie Diarrhoe oder gastrointestinale Ulcera sowie Gelenk-und Knochenschmerzen kennzeichnen das klinische Bild.

Einteilung

Urticaria pigmentosa (Übersicht) = disseminierte Mastozytose; 5 Mastozytome = Urticaria pigmentosa 

Vorkommen/Epidemiologie

Keine Geschlechtspräferenz. Im Kindesalter liegt die Inzidenz der kutanen Mastozytose bei 1:150.000/Jahr

Ätiopathogenese

Die meisten erwachsenen Patienten weisen eine aktivierende Punktmutation des KIT-Gens auf (KIT D816V). Sowohl die Expression von KIT (CD117) auf der Zelloberfläche als auch die Mutation sind nicht spezifisch für die Mastozytose - s.hierzu u. Mastozytose (Übersicht).  

Die juvenile Urticaria pigmentosa zeigt die aktivierende c-Kit-Mutation nicht.

Manifestation

Bei der Urtikaria pigmentosa des Kindesalters erfolgt die Erstmanifestation häufig bereits in den ersten 24 Lebensmonaten, seltener danach. 

Bei der adulten Form (Urticaria pigmentosa des Erwachsenenalters) wird der Manifestationsgipfel im mittleren Erwachsenenalter (40-60 Jahre) gefunden.

 

Lokalisation

Ubiquitär; v.a. am Rumpf sowie obere und untere Extremiät; seltener Gesicht, Handflächen und Fußsohlen. Sehr selten Schleimhautbeteiligung.  

Klinisches Bild

Flache, ovale oder runde, graubräunliche oder rot-bräunliche, 0,1-0,5 cm große Flecken. Die klinische Symptomatik der Patienten ist auf Freisetzung der verschiedenen Mastzellmediatoren zurückzuführen (Mediatorsymptomatik). Neben Histamin, Tryptase, Heparin, Leukotriene, Prostaglandine sowie diverse Zytokine wie TNF-alpha, Interleukine.  Nach festem Bestreichen der Läsionen kommt es zu einer urtikariellen Reaktion in den Herden (Dariersches Zeichen); seltener auch subepidermale Blasenbildung. Häufig läßt sich auch ein elevierter Dermographismus auslösen. Zunächst schwache, später stärkere läsionale Pigmentierung. Das häufigste Begleitsmptom ist Juckreiz, wobei dem Interleukin-31 eine besondere pathogenetische Bedeutung zugemessen wird (Wagner N et al. 2018)

Hinsichtlich des klinischen Verlaufes verhalten sich juvenile und adulte Formern unterschiedlich.

Sonderformen:

Labor

Z.A. einer systemischen Mastozytose wird leitliniengemäß die Tryptase bestimmt (Normwert: <20µg/l). Bei Überschreitung des Wertes wird eine systemische Mastozytose für möglich erachtet und eine Knochenmarksbiopsie sowie ein Screening auf weitere Systembeteiligung angestrebt. Bei niedrigen Werten wird ohne zwingende klinische Hinweise in der Regel auf eine umfangreiche Diagnostik verzichtet. In einer größeren Studie konnte bei 32% der Patienten mit kutaner Mastozytose in der Knochenmarkshistologie eine systemische Mastozytose gesichert werden. Der Tryptasemittelwert des Kollektives mit Systembeteiligung betrug 43,9±39,93µg/l (3,74-173µg/l), ohne Systembeteiligung 19,63±13,31 µg/l (2,44-54 µg/l).Tryptaseerhöhungen > 20µg/l waren bei 43% der Patienten mit rein kutaner Mastozytose nachweisbar. 28% der Patienten mit systemischer Mastozytose zeigten Normalwerte. Somit scheint der Laborwert "Tryptase" kein gesicherter Parameter für die Frage einer Systembeteiligung zu sein.

Ergänzend kann die Bestimmung von N-Methylhistamin bzw. 1,4-Methylimidazolessigsäure im Sammelurin erfolgen.

Histologie

Häufig wenig spektakuläres histologisches Bild im HE-gefärbten Präparat. Diskrete Hyperpigmentierung der ansonsten unveränderten Epidermis. Schüttere, perivaskulär akzentuierte Rundzellinfiltrate in der retikulären Dermis. Erst bei histochemischer oder immunhistochemischer Darstellung ist die Mastzellen-reiche Qualität des Infiltrates (Giemsa-Färbung; CD117; CD25) erkennbar.

Differentialdiagnose

Dermatofibrom; maligne Lymphome.

Therapie

Therapie allgemein

Externe Therapie

Bestrahlungstherapie

Interne Therapie

Verlauf/Prognose

Günstig. > 95% der Patienten haben eine normale Lebenserwartung.

Bei >50% der juvenilen Mastozytosen kommt es zu einer spontanen Remission bis zur Adoleszenz. Bei 10% der Kinder kann eine systemische Beteiligung nachgewiesen werden. V.a. auch bei Kindern mit einer späteren Erstmanifestation (>Jahre). Klinische kann sich  eine Systembeteiligung durch Durchfall, Flush, Kopf-und Knochenschmerzen äußern.

Bei der adulten Urticaria pigmentosa verläuft die Erkrankung i.A. chronisch, schleichend progredient. Nur ein kleiner Teil zeigt Remissionen.  Eine systemische Beteiligung wird in etwa der Hälfte der Pat. beobachtet. Systembeteiligungen Mastzellinfiltrationen in Knochenmark, Leber, Milz und/oder Lymphknoten) beobachtet werden äußern sich in einer Vielzahl von Organerkrankungen wie: Gastritis, Ulcus ventriculi oder duodeni, Flush, Malabsorptionssyndrom.     

Tabellen

Antihistaminika bei Urticaria pigmentosa

Wirkstoff

Beispielpräparat

Alter

Dosierung/Tag

Applikation

Nicht sedierend

Cetirizin

Zyrtec

2-12 J.

½-1 Mßl.

Sirup

> 12 J.

10 mg

Fimtbl.

Levocetirizin

Xusal

> 6 J.

5 mg

Filmtbl.

Loratadin

Lisino

2-12 J.

½-1 Mßl.

Sirup

> 12 J.

10 mg

Tbl.

Desloratadin

Aerius

2-5 J.

2.5 ml (1.25 mg)

Sirup

6-12 J.

5 ml (2.5 mg)

Sirup

> 12 J.

10 mg

Filmtbl.

Doxylaminsuccinat

Mereprine

½-5 J.

1-2mal 1 Teel.

Sirup

6-12 J.

2-3mal 1 Teel.

Sirup

> 12 J.

2-4mal 2 Teel.

Sirup

Sedierend

Clemastin

Tavegil

1-6 J.

2mal 1-2 Teel.

Sirup

6-12 J.

2mal 1 Eßl.

Sirup

> 12 J.

2mal 1 mg

Tbl.

Dimetinden

Fenistil

1-8 J.

3mal 1 Teel.

Sirup

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Arber DA et al. (2016) The 2016 revision to the World Health Organization classification of myeloid
    neoplasms and acute leukemia. Blood 127:2391-405. 
  2. Czarnetzki BM et al. (1985) Phototherapy of urticaria pigmentosa; clinical response and changes of cutaneous reactivity, histamies and chemotactic leukotrienes. Arch Dermatol Res 277: 105–113
  3. Comte C et al. (2003) Urticaria pigmentosa localized on radiation field. Eur J Dermatol 13: 408-409
  4. Gobello T et al. (2003) Medium- versus high-dose ultraviolet A1 therapy for urticaria pigmentosa: a pilot study. J Am Acad Dermatol 49: 679-684
  5. Guler E et al. (2001) Urticaria pigmentosa associated with Wilms tumor. Pediatr Dermatol 18: 313-315
  6. Ludolph-Hauser D et al. (2001) Occult cutaneous mastocytosis. Hautarzt 52: 390-393
  7. Nettleship E (1869) Rare forms of urticaria. Br Med J 2: 323
  8. Nettleship E (1869) Chronic urticaria leaving brown stains: nearly two years’ duration. BMJ 2: 435
  9. Requena L (1992) Erythrodermic mastocytosis. Cutis 49: 189–192
  10. Sangster A (1878) Urticaria Pigmentosa. Lancet I: 683

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