Urethro-konjunktivales-synoviales-Syndrom M02.3

Zuletzt aktualisiert am: 30.09.2019

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Fiessinger-Leroy-Reiter-Krankheit; Fiessinger-Leroy-Syndrom; Morbus Reiter; Postdysenterisches Syndrom; Reiter-Krankheit; Reitersche Erkrankung; Reiter-Syndrom; Urethro-okulo-synoviales Syndrom

Erstbeschreiber

Fiessinger u. Leroy, 1916; Reiter, 1916

Definition

Psoriasiforme Hauterkrankung mit der klassischen Symptom-Trias aus Urethritis, Konjunktivitis und Arthritis. Oligosymptomatische Verläufe sind nicht selten. Die Beziehung zur Psoriasis ist umstritten.

Vorkommen/Epidemiologie

Inzidenz: 3-5/100.000 Einwohner/Jahr. Die Inzidenz nach unspezifischer Urethritis oder Shigellenenteritis beträgt etwa 1%, bei Trägern des HLA-Antigens-B27 liegt sie jedoch über 20%.

Ätiopathogenese

Ungeklärt. Diskutiert werden genetische Faktoren (familiäre Häufung) sowie Assoziation zu HLA-B27 (positiv in 70-90% der Pat.). Möglicherweise infektallergische Reaktion nach urethritischen oder enteritischen (etwa 25%) Infekten mit z.B. Mykoplasmen, Yersinien, Chlamydien, Neisseria gonorrhoeae, Viren.

Manifestation

Zu 90-98% bei jungen Männern auftretend.

Klinisches Bild

  • Auftreten gewöhnlich 10-30 Tage nach enteritischer oder urethritischer Infektion.
  • Klassische Symptomentrias ("can`t see, cant´t pee, can´t climb a tree"):
    • Urethritis: Meist Beginn mit akutem, unspezifischem, eitrigem bis blutig-eitrigem Ausfluss, Schmerzen beim Wasserlassen. Bei dysenterischer Form erst sekundäre Urethritis.
    • Konjunktivitis: Meist bilateral in unterschiedlicher Ausprägung auftretend.
    • Arthritis: Oligoarthritis v.a. der unteren Extremitäten, z.B. der Knie- und Fußgelenke. Häufig symmetrischer, wechselnder Befall mit geschwollenen, warmen, bewegungsschmerzhaften Gelenken. Seltener sind auch die Kostosternalgelenke betroffen. Die Arthritis der Reiter-Erkrankung heilt nur recht zögerlich ab.
  • Außerdem:
    • Integument (25% der Reiter Patienten haben Hautsymptome): Insbesondere zeigen sich exsudative psoriasiforme Hautveränderungen, vor allem symmetrisch an Palmae und Plantae ( Keratoderma blenorrhagicum), erythemato-squamöse Herde, vor allem an Kapillitium und in der Nabelregion.
      • Nagelveränderungen: Paronychie, Onycholyse, Grübchen, Längsriffelungen, Aufsplitterungen, Nageldystrophie, Nagelverlust , subunguale Hyperkeratosen, Pusteln. 
    • Schleimhaut: Rötung, erythematöse Maculae und Papeln, Erosionen, Hämorrhagien.
    • Urogenital: Balanitis parakeratotica circinata, chronische Prostatitis, Zystitis, Pyelonephritis.
    • Augen: Lid- und Kornealödem, Keratitis, Iritis, Iridozyklitis, Uveitis.
    • Gelenke: Tendinitis, Fasziitis, Synoviitis, Sakroileitis, ankylosierende Spondylitis.

Labor

BSG-Beschleunigung, Leukozytose; alpha 1- und alpha 2-Globulinvermehrung in der Serum-Elektrophorese; Leukozyturie; kultureller oder serologischer Nachweis von Chlamydien, Mykoplasmen (postvenerisch) bzw. Shigellen, Salmonellen, Yersinien oder Campylobacter (postdysenterisch). Rheumafaktoren und ANA sind stets negativ!

Therapie allgemein

Während akuter Schübe und bei gestörtem Allgemeinbefinden Bettruhe, Analgetika, Paracetamol (z.B. Ben-u-ron Tbl.) 0,5–1 g/Tag und sorgfältige Lagerung zur Erhaltung der Gelenkbeweglichkeit.

Externe Therapie

  • Balanitis: Therapie der Balanitis parakeratotica circinata mit austrocknenden Maßnahmen wie Lotio alba und Auflage von Mullkompressen. Zudem Applikation von Glukokortikoid-haltigen Cremes/Lotionen wie 0,25% Prednicarbat-Creme (z.B. Dermatop Creme), 0,1% Methylprednisolon Creme (z.B. Advantan) oder 0,5% Hydrocortison Creme R121 .
  • Keratoderma blenorrhagicum oder/und psoriasiforme Hautveränderungen: Mittelstarke Glukokortikoide wie 0,1% Triamcinolon Creme R259 oder 0,1% Mometasonfuroat (z.B. Ecural Fettcreme/Salbe), in Kombination mit Calcipotriol-haltigen Externa (z.B. Psorcutan Salbe) 2mal/Tag.

Bestrahlungstherapie

Bei therapieresistentem Keratoderma blenorrhagicum selektive PUVA-Bad-Therapie von Palmae und/oder Plantae: 8-MOP-Konzentration im Badewasser 0,5-1,0 mg/l, Wassertemperatur 37 °C, Dauer des Medikamentenbades 20 Min., unmittelbar im Anschluss an das Bad UVA-Bestrahlung mit initial z.B. 0,2 J/cm2 UVA, Steigerung der UVA Dosis bei jeder 3. Behandlung um etwa 0,2 J/cm2.

Interne Therapie

  • Darm- bzw. Urethrainfektion: Bei noch nachweisbarer Infektion von Urethra oder Darm antibiotische Therapie mit Doxycyclin (z.B. Doxy Wolff) 2mal 100 mg/Tag über 7 Tage.
  • Arthritiden: Nichtsteroidale Antiphlogistika wie Acetylsalicylsäure 2-4 g/Tag (z.B. Aspirin Tbl.), insbes. auch Indometacin (z.B. Ammuno) 75-150 mg/Tag, Diclofenac (z.B. Voltaren) 75-150 mg/Tag, Ibuprofen (z.B. Ibuprofen-ratiopharm) 600-1200 mg/Tag. Ggf. auch systemische Glukokortikoide anwenden, z.B. Prednisolon (z.B. Decortin H Tbl.) initial 100 mg/Tag, Reduktion auf niedrigste mögliche Erhaltungsdosis. Ggf. auch Kombinationstherapie mit Azathioprin (z.B. Imurek 50), Beginn mit 100 mg/Tag. Reduktion in Abhängigkeit von Akuität und Verlauf der Erkrankung.

Merke! Ausschluss einer HIV-Infektion vor Anwendung von Zytostatika oder Immunsuppressiva, da der M. Reiter Ausdruck eines späten Stadiums einer HIV-Infektion (0,5-11% der Pat.) sein kann!

  • Nach Ausschöpfung dieser Möglichkeiten bei schwerem Krankheitsbild Methotrexat (z.B. Methotrexat Lederle) 1mal/Woche 7,5-15 mg p.o. (ist der langfristigen peroralen Gabe von Glukokortikoiden vorzuziehen). Ein Therapieversuch ist auch möglich mit Retinoiden wie Acitretin (Neotigason) 30-50 mg/Tag (bei Frauen nur unter strikter Antikonzeption)!
  • Bei schwersten Haut- und Schleimhautveränderungen ist auch Ciclosporin A (Sandimmun) indiziert. S.a.u. Psoriasis vulgaris, Psoriasis pustulosa generalisata oder Psoriasis arthropathica.
  • Rheumatologisches und augenärztliches Konsil.

Verlauf/Prognose

Subakuter (2-6 Monate) bis chronischer (Monate, Jahre) Verlauf. Selten persistieren bleibende Defekte. Abklingen der Symptomatik unter Behandlung nach mehreren Monaten bis Jahren. Spontane oder durch Infektionen ausgelöste Rezidive sind häufig. Bei 80% der Patienten werden nach 5 Jahren noch krankheitsspezifische Symptome nachgewiesen.

Literatur
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  9. Reiter H (1916) Über eine bisher unerkannte Spirochäteninfektion (Spirochaetosis arthritica). Dtsch med Wschr 42: 1535
  10. Schneider JM et al. (2003) Reiter's syndrome. Cutis 71: 198-200
  11. Wollina U et al. (1999) Nail changes in rheumatic disease. Hautarzt 50: 549-555
  12. Wu IB et al. (2008) Reiter`s syndrome: the classic triad and more. J Am Acad Dermatol 59: 113-121

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