Sudeck-Syndrom M89.0

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

akute Knochenatrophie; Complex Regional Pain Syndrome; CRPS Typ I; Kienböck-Atrophie; Kienböck-Knochenatrophie; Kienböck-Meisel-Krankheit; Knochenatrophie akute; Leriche-Krankheit; reflex bone atrophy; reflex sympathetic dystrophy; Sudeck atrophy; Sudeck-Dystrophie; Sudeck-Kienböck-Syndrom; Sudeck-Knochenatrophie; Sudeck-Krankheit; Sudeck-Leriche-Syndrom; Sudeck-Porose

Erstbeschreiber

Sudeck, 1900

Definition

Postoperativ aber auch idiopathisch auftretende, lokalisierte, schmerzhafte Erkrankung mit kissenförmigen Schwellungen, rötlich-livider Hautverfärbung, Steifigkeitsgefühl und stadienhaftem Verlauf.

Ätiopathogenese

Unbekannt. Meist in zeitlichem und örtlichem Zusammenhang mit Trauma oder Operation auftretend. Individuelle Disposition besteht bei Personen mit "konstitutioneller Krankheitsbereitschaft" bzw. vegetativer Labilität. Pathogenetisch handelt es sich um eine vegetative Fehlreaktion mit Fehlsteuerung der Blutgefäße und vasomotorischer Kontraktion der Arteriolen. Neurale Fehlsteuerung, mechanische Stauung und Gewebsazidose erzeugen am Knochen eine negative ossäre Strukturbilanz. Als Berufskrankheit u.a. bei Strickerinnen, Stenotypistinnen und Pressluftarbeitern beobachtet. Ferner scheinen psychische Faktoren die Erkrankung zu fördern. Gehäuft wird über Depressionen, Ängstlichkeit und emotionale Labilität berichtet.

Manifestation

Bei Patienten > 40 Jahre auftretend.

Klinisches Bild

  • Stadieneinteilung und Klinik s. Tabelle 1. Häufig treten Bewegungsstörungen auf, teilweise durch die Schmerzen bedingt, aber auch durch Versteifungen der Gelenke. Weitere Merkmale sind Muskelkrämpfe und Zittern. Bei schwerwiegenden Fällen ist auch eine gänzliche Versteifung von Fingern und Zehen möglich. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann eine Ausbreitung der Symptome über die gesamten Gliedmaßen eintreten. Dies kann kontinuierlich zum Beispiel von der Hand zur Schulter geschehen (daher auch die Bezeichnung "Schulter-Hand-Syndrom").
  • Röntgenologisch: "Entschattung" durch Schwund der subchondralen Spongiosa (Glasknochen), typisch bei Sudeck II sowie Akroosteolysen.

Komplikation

Besonders gravierend ist eine Sudeck-Dystrophie im Bereich der Hand, weil er dort häufig zu einer Behinderung und damit zur Invalidität führt. Im Bereich der unteren Extremität tritt der M. Sudeck bevorzugt im Bereich des Fußes auf, seltener sind die Hüfte oder das Knie betroffen.

Therapie

Kombination von medikamentöser Behandlung, physikalischer Behandlung, Ergotherapie, Psychotherapie sowie von ergänzenden Methoden. Ausschlaggebend für den Erfolg der Therapie ist ein möglichst früher Beginn, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Die Therapie sollte ausschließlich durch geschultes ärztliches und pflegerisches Personal erfolgen. Im akuten Stadium sind Glukokortikoide indiziert, z.B. Methylprednisolon 1mal/Tag 80 mg/Tag über 4-5 Tage, dann über 2 Wochen wieder ausschleichen. Weiterhin gibt es eine Indikation für trizyklische Antidepressiva, z.B. Amitriptylin und Clomipramin bis zu 150 mg/Tag sowie für Antiepileptika, z.B. Gabapentin und Pregabalin.

Tabellen

Klinik und Therapie des Sudeck-Syndroms

Stadium

Klinik

Therapie

I

Glänzende, ödematöse, überwärmte, livide Haut mit Hyperhidrose.

Ruhigstellung und Kühlung, Druckentlastung (z.B. kein Gips)

II

Abnahme der Schwellung und Färbung, Zunahme von trophischen Störungen.

Krankengymnastik, Massage, Eistauchbäder

III

Weitgehend eingesteifte, schmerzlose, atrophische, gebrauchsunfähige Extremität mit kühler, trockener Haut und Hypertrichose.

Plastisch-chirurgische Operation

Hinweis(e)

Die neue Bezeichnung der International Association for the Study of Pain für den M. Sudeck (Sudeck`s atrophy oder Sudeck`s dystrophy) lautet: CRPS Typ I = Complex Regional Pain Syndrome (Reflex Sympathetic Dystrophy Syndrome) bzw. komplexes regionales Schmerzsyndrom Typ I.

Literatur
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  1. Kienböck R (1901) Über akute Knochenatrophie bei Entzündungsprozessen an den Extremitäten (fälschlich so genannte Inaktivitätsatrophie des Knochens) und ihre Diagnose nach dem Röntgenbilde. Wien med Wschr 1346-1348, 1389-1392, 1427-1430, 1462-1466, 1508-1511, 1591-1596
  2. Kock FX et al. (2003) Complex regional pain syndrome type I (CRPS I). Pathophysiology, diagnostics, and therapy. Orthopade 32: 418-431
  3. Mittelmeier H, Biel G (1982) Sudeck Syndrom. In: Witt AN, Rettig H, Schlegel KF et al. (Hrsg) Orthopädie in Praxis und Klinik, Bd IV, S 8.1-8.16. Thieme, Stuttgart, New York
  4. Sudeck P (1900) Über die akute entzündliche Knochenatrophie. Arch klin Chir 62: 147
  5. Sudeck P (1938) Die kollateralen Entzündungsreaktionen an den Gliedmaßen (so genannte akute Knochenatrophie). Arch klin Chir 191: 710
  6. Sudeck P (1901/1902) Über die akute (reflektorische) Knochenatrophie nach Entzündungen und Verletzungen an den Extremitäten und ihre klinischen Erscheinungen. Fortschr Röntgenstr 5: 277
  7. Weber M et al. (2002) Sudeck's atrophy: pathophysiology and treatment of a complex pain syndrome. Dtsch Med Wochenschr 127: 384-389

Weiterführende Artikel (2)

Gabapentin; Methylprednisolon;

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