Schwangerschaftsdermatose, atopische L30.8

Zuletzt aktualisiert am: 19.10.2019

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

AEP; Atopic eruption of pregnancy; Atopische Schwangerschaftsdermatose; Early onset Prurigo of pregnancy; Eczema in pregnancy; Papular dermatitis of pregnancy; Prurigo gestationis; Pruritic folliculitis of pregnancy; Schwangerschaftsfollikulitis; Schwangerschaftsprurigo

Erstbeschreiber

Besnier 1904

Definition

Häufigste, mit starkem Pruritus einhergehende Dermatose in der Schwangerschaft (etwa 50% der juckenden Dermatosen in der Schwangerschaft geht auf diese Diagnose zurück) bei Patientinnen mit atopischer Eigenanamnese bzw. atopischer Familienanamnese.

Vorkommen/Epidemiologie

50% aller juckenden Dermatosen bei Schwangeren 

Ätiopathogenese

In 20% der Fälle Exazerbation des vorbestehenden atopischen Ekzems. Bei allen anderen Pat. entweder Erstmanifestation oder Remanifestation eines früher bestandenen atopischen Ekzems (z.B. Beugenekzem in der Jugendzeit).

Die Exazerbation kann mit der für die Schwangerschaft typischen Dominanz einer Th2-Immunität, die das "Überleben des fetalen Allografts" gewährleistet, erklärt werden.

Der verminderten zellulären Immunantwort steht eine dominante humorale Immunantwort mit verstärkter Sekretion von Th2-Zytokinen (IL-4, IL-10) gegenüber (s.a. Ekzem, atopisches).

Manifestation

Häufig (75% der Fälle) im 2. Trimenon auftretend.

Lokalisation

Gesicht, Hals, Dekolleté, Beugeseiten der Extremitäten mit  Achseln und Leisten .  

Klinisches Bild

In der Mehrzahl der Fälle (70%) manifestiert sich die Erkrankung erstmalig oder nach jahrelanger Latenz mit starkem Juckreiz. Typischerweise können unterschiedliche Stadien eines Ekzems auftreten: von multiplen nässenden und schuppenden Papeln bis hin zu multiplen, chronisch aktiven, Beugeseiten-betonten, teils symmetrischen, disseminierten, trockenen, evtl. kleieförmig schuppenden, flächigen Hautveränderungen.

Bei ca. 30% der Fälle finden sich disseminierte Prurigo-artige, juckende Papeln oder Knoten an Stamm und Extremitäten.

Die Patientinnen berichten über eine stark ausgeprägte Xerosis cutis.

Labor

IgE in 30-70% der Fälle erhöht! 

Histologie

Unspezifisch. Die Ekzemmuster sind nur im Zusammenhang mit der Klinik auswertbar.

Direkte Immunfluoreszenz

Negativ (vgl. Pemphigoid gestationis).

Differentialdiagnose

Pemphigoid gestationis: Vesikulo-bullöse HV; Beginn im 3. Trimenon, postpartal; starker Juckreiz; DIF: lineare C3-Ablagerungen; Histologie: subepidermalöe Blase.

Pruritus gravidarum (ICP; s.a. Schwangerschaft, Hautveränderungen): Keine primären HV; lediglich Kratzexkoriationen; DIF: unspezifisch; Labbor: Gallensäuren erhöht.

PUPPP: Papulo-urtikarielle HV; Beginn in Striae distensae; Nabelregion bleibt frei; DIF: unspezifisch; Labor: o.B.; Später Beginn der HV (3. Trimenon oder postpartal)

Impetigo herpetiformis: Akuter Beginn mit starker Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens, mit ausgeprägtem Krankheitsgefühl, Fieber, Schüttelfrost, evtl. Diarrhoe. Beugebetontes Exanthem mit hochroten, großflächigen Erythemen und Plaques und Pusteln. Labor: Dysproteinämie; Leukozytose; Neutrophilie; Eisenmangel mit Anämie; erniedrigtes Serumkalzium; deutlich beschleunigte BSG; das CRP ist erhöht.

Externe Therapie

  • Rückfettende Lokaltherapie mit harnstoffhaltigen Präparaten (in der Schwangerschaft unproblematisch)
  • Zunächst Versuch mit blander, wirkstofffreier Lotio alba, ethanolischer Zinkoxidschüttelmixtur.
  • Lindernd wirken auch kühles Abduschen, "Cool-Packs" oder feuchte Umschläge, z.B. mit 0,9% NaCL-Lösung.
  • Linderung bringen Polidocanol-haltige Lotionen oder Cremes (z.B. Optiderm®), Schüttelmixturen oder Gele. Insbes. bei der Gelgrundlage besteht ein angenehmer, kühlender und juckreizlindernder Begleiteffekt.
  • Lichttherapie (UVB) kann ergänzend hilfreich sein.

Interne Therapie

  • Bei starkem und intolerablem Juckreiz mit erheblichen Schlafstörungen Glukokortikoide wie Prednison (z.B. Decortin) als Kurzzeittherapie (4 Wochen). Initial: 0,5-2,0 mg/kg KG/Tag; fortführend: 0,1-0,5 mg/kg KG/Tag; schrittweise Dosisreduktion dem klinischen Befund entsprechend.
  • Die Gabe von Antihistaminika in der Schwangerschaft wird in der Literatur unterschiedlich beurteilt. Es kommen jedoch höchstens Präparate der 1. Generation wie Clemastin (z.B. Tavegil 2mal/Tag 1 Tbl. p.o. oder 2mal/Tag 1 Amp. i.v.); Dimetinden (z.B. Fenistil) oder Hydroxyzin (z.B. Atarax 1-3 Tbl./Tag) infrage.

Verlauf/Prognose

Gute Prognose bei schnellem Ansprechen der Lokaltherapie. Deutliche Besserung noch während der Schwangerschaft. Rezidive sind in den Folgeschwangerschaften häufig.  

Keine Beeinträchtigung des Fetus bekannt.

Hinweis(e)

Bie bakterieller Superinfektion können systemisch Beta-Laktamantibiotika und Makrolide sowie Aciclovir während der gesamten Schwangerschaft eingesetzt werden.  

Literatur
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  1. Ambros-Rudolph CM (2006) Dermatoses of pregnancy. J Dtsch Dermatol Ges 4: 748-759
  2. Ambros-Rudolph CM (2010) Spezifische Schwangerschaftsdermatosen. Hautarzt 61: 1014-1020
  3. Roth MM et al. (2016) Prurigo, pruritic folliculitis, and atopic eruption of pregnancy: Facts and
    controversies.Clin Dermatol 34:392-400.
     

Verweisende Artikel (1)

Schwangerschaftsprurigo;

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