Netherton-Syndrom Q80.9

Zuletzt aktualisiert am: 26.09.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Bambushaar-Syndrom; Comèl-Netherton-Syndrom; Erythroderma ichthyosiforme congenitum; Ichthyosis linearis circumflexa (Rille-Comel) and trichorrhexis invaginata; ichthyosis linearis circumflexa (Rille-Comèl) and trichorrhexis invaginata; Syndrom der Bambushaare; trichorrhexis syndrome

Erstbeschreiber

Comel, 1949; Netherton, 1958

Definition

Sehr seltene hereditäre Genodermatose, die durch die Kombination aus Ichthyosis linearis circumflexa, Haarschaftanomalien (Bambus-Haare = Trichorrhexis invaginata), erhöhte IgE-Spiegel und Immundefizienz mit Gedeihstörungen gekennzeichnet ist. Fakultativ assoziiert sind u.a. Störungen im Aminosäurestoffwechsel, evtl. Oligophrenie u. zerebrale Krampfanfälle.

Vorkommen/Epidemiologie

Die Inzidenz liegt bei 1:200.000; die Prävalenz bei 1:100.000;  bis heute sind etwa 150 Patienten mit Netherton-Syndrom (Comèl-Netherton-Syndrom) beschrieben worden.

Ätiopathogenese

Autosomal-rezessiver Erbgang. Nachgewiesen wurde  Mutationen des SPINK5 Gens (5q31-q32), das LEKTI kodiert, einen Serin-Protease Inhibitor. LEKTI wird in Epithelien, Thymus, Tonsillen, Nebenschilddrüse und Trachea exprimiert. Weiterhin kann es im Stratum corneum und granulosum sowie in den Hautanhangsgebilden nachgewiesen werden. Dieses Protein inhibiert eine Reihe von Serin-Proteasen, wie Plasmin, Trypsin, Subtilisin A, Cathepsin G oder Elastase. Die durch eine LEKTI-Defizienz verusachte "Hyperaktivität" dieser proteolytischen Enyzme führt zu einer wesentlichen Störung der Funktion der epidermalen Barriere. Dies erfolgt über eine gesteigerte Degradierung von Desmoglein 1 und  einen gesteigerten Abbau von Desmosomen. Die gestörte Hautbarriere erleichtert das Eindringen von Allergenen in die Haut.

Bemerkung: Die besondere Expression des SPINK5 Gens  im Thymus führt zu einer fehlerhaften T-Zell-Differenzierung, einer konsekutiven unbalanzierten Th2-Antwort und einem stark erhöhten IgE.    

Manifestation

Meist bei Geburt oder kurz danach.

Klinisches Bild

  • Integument: Häufig im Kindesalter mit einer kongenitalen ichthyotischen Erythrodermie beginnend, die sich im heranwachsenden Alter bei klinisch milden Fällen zu einer Ichthyosis linearis circumflexa rückentwickeln kann. Hierbei Ausbildung großflächiger, häufig zirzinär begrenzter, wandernder, girlandenartig begrenzter,  braunroter oder roter, von einer doppelten Schuppenleiste gesäumten, oberflächenrauer, schuppender Plaques. Unterschielidch starker Juckreiz in der befallenen Haut. Lichenifikation der großen Gelenkbeugen. Zeitweilig Blasenbildung möglich.

Obligat sind begleitende Haarschaftanomalien ( Bambus-HaareTrichorrhexis nodosaPili torti), AlopezieRhagaden im Mundwinkelbereich sowie Papillome im Genitalbereich.

Nachweis einer erhöhten Aktivität der sauren Phosphatasen, β-Glucuronidase, Transglutaminase in Hautschuppen.

Extrakutane Manifestationen: Gefürchtet sind rezidivierende Superinfektionen mit Septikämien als Folge eines Immundefektes.

Nahezu obligat sind Typ I Sensibilisierungen auf Nahrungsmittel und Umweltallergene.

Labor

Erhöhung der Entzündungsparameter; teils deutliche Eosinophilie, fast immer deutliche Erhöhung des ECP und IgE (> 1000 IU/ml). Seltener Nachweis einer Aminoazidurie.

Histologie

Psoriasiforme Epithelreaktion mit fehlendem Str. granulosum. Parakeratose. Intraepithelial sind einzelne Granulozyten. In der oberen Dermis zeigt sich ein unspezifisches, perivaskuläres, lympho-histiozytäres Infiltrat mit einzelnen neutrophilen und eosinophilen Granulozyten.

Differentialdiagnose

Therapie

Externe Therapie

Interne Therapie

Hinweis(e)

Die Erstbeschreibung des nach Netherton zu Unrecht benannten Krankheitsbildes geht auf den Italiener Comèl zurück, der im Jahre 1949 über das Krankheitsbild unter dem Namen " Ichthyosis linearis circumflexa" berichtete.

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

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  3. Godic A, Dragos V (2004) Successful treatment of Netherton's syndrome with topical calcipotriol. Eur J Dermatol 14: 115-117
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  5. Hammer C et al. (2013) Generalisiertes Erythem, Schuppung und Haaranomalie. Hautarzt 64: 516-518
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  8. Mitsudo K et al. (2003) Inhibition of serine proteinases plasmin, trypsin, subtilisin A, cathepsin G, and elastase by LEKTI: a kinetic analysis. Biochemistry 42: 3874-3881
  9. Netherton EW (1958) A unique case of trichorrhexis nodosa; bamboo hairs. Arch Dermatol 78: 483-487
  10. Salz M (2015) Netherton-Syndrom. Eine neue Mutation führt zum gesamten Spektrum der typischen Merkmale des Netherton-Syndroms. JDDG 13: 691-692  
  11. Yerebakan O et al. (2002) Netherton syndrome associated with idiopathic congenital hemihypertrophy. Pediatr Dermatol 19: 345-348

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