Naevus sebaceus (Übersicht) Q82.5

Synonym(e)

Naevus epitheliomatosus sebaceus; Nevus sebaceus; Nevus sebaceus of Jadassohn; Nevus sebaceus syndrome; Organoider Naevus; Organoid nevus; Talgdrüsennaevus

Erstbeschreiber

Jadassohn, 1895; Robinson, 1932

Definition

Organoides Hamartom der Haut (organoider Epidermalnaevus), das vor allem das Oberflächenepithel, die Haarfollikel sowie die Talg- und Schweißdrüsen betrifft.

Vorkommen/Epidemiologie

In einer größeren Studie (Yang CC et al.) war bei 265 Kindern (Alter 1-12Jahre) mit Neubildungen am Capillitium der Naevus sebaceus mit 68%, gefolgt von melanozytären Naevi (6,2%) und juvenilen Xanthogranulom (6,2%) vertreten. Säuglingshämangiome fanden sich bei 41% dieser Patientengruppe.  

Ätiopathogenese

Zugrunde liegen postzygotische  HRAS-Mutationen (95%) und KRAS-Mutationen (5%)  (s.u. RAS), Regulator-Gene, die für das Ras-Protein kodieren. Dieses Protein ist ein zentraler Regulator verschiedener Signaltransduktionswege, über die Wachstums- und Differenzierungsprozesse reguliert werden (s.a. RASopathien)

Manifestation

  • Angeboren
  • Überwiegend sporadisches Auftreten. Über (sehr seltenes) familiäres Auftreten wurde berichtet (Benedetto L et al. 1990; Sahl WJ Jr 1990) . 
  • Kein Gender-Bias.

Lokalisation

90% der Fehlbildungen betreffen das Capillitium (etwa 45% den Bereich der Parietalregion); seltener in absteigender Häufigkeit sind Gesicht, Rertroaurikulärregion, Nacken, Rumpf oder Genitalien betroffen. Eine absolute (zu vernachlässigende) Rarität ist das Auftreten im Schleimhautbereich.

Klinisches Bild

Altersabhängiges klinisches Bild:

  • 1. Geburt:
  • Zu diesem Zeitpunkt zeigt sich je nach Lokalisation ein solitärer, vollständig symptomloser, ovaler bis bizarr konfigurierter (länglich mit zipfeligen Ausläufern),  weißlich-gelblicher oder hautfarbener, wachsartiger, stets haarloser Fleck bzw. eine entsprechende, leicht erhabene, oberflächenglatte  Plaque. Da der Naevus sebaceus am  häufigsten am Capillitium auftritt, ist das hervortretende klinische Leitsymptom die umschriebene Haarlosigkeit (Alopezie). Wichtig hierbei ist der klinische Befund des "Fehlens der Follikel" (Bemerkung: die Follikelorgane sind im Bereich der Läsion fehlentwickelt, keine Ausbildung eines Haarfollikels!)    
  • 2. Kindheit:
  • Im Laufe der Kindheit kein aktives Flächenwachstum. Größenwachstum analog zum Körperwachstum.
  • 3. Peripubertär:
  • In der Pubertätphase und später bei jüngeren Erwachsenen erfolgt ein Dickenwachstum der meist völlig symptomlosen Hautveränderung. Entwicklung einer weiterhin unbehaarten, beetartigen, warzigen Plaque von nun gelb-roter oder gelb-brauner (Talgdrüsenenwachstum während der Pubertät) Farbe und schwammig-fester Konsistenz.
  • 4. Spätes Erwachsenenalter:
  • Zunehmend verruköse Oberflächgestaltung der Läsion, vereinzelt auch hautarbene oder blau-schwarz gefärbte Knoten (s.u. Komplikationen)
  • Anordnung: Meist bizarr konfigurierter, auch lineare Anordnung. 
  • Beim Schimmelpenning-Feuerstein-Mims-Syndrom liegt ein neuroektodermaler Symptomenkomplex mit großflächigem  Naevus sebaceus (auch multipel), Fehlbildungen und Dysplasien an Augen, Haut, Gehirn, Skelett und Herz vor.
  • Das SCALP-Syndrom beschreibt ein Syndrom mit der Konstellation:  „Sebaceous nevus syndrome, central nervous system malformations, aplasia cutis congenita, limbal dermoid, and pigmented nevus syndrome (melanozytärer Riesennaevus)“.
  • Die Didymosis aplasticosebacea bezeichnet das sehr seltene konkordante Zusammentreffen von Aplasia cutis circumscripta mit einem Naevus sebaceus.
     

Histologie

Konvolute fehlgebildeter Haarfollikel mit meist zahlreichen, reifen Talgdrüsenläppchen, die sich traubenartig um den meist erweitereten Ausführungsgang gruppieren. Häufig Vermehrung abortiver, apokrin oder auch ekkrin differenzierter Drüsen.
  • Präpubertär: Das Oberflächenepithel ist leicht akanthotisch, in der oberen Dermis zeigen sich unreife Talgdrüsenkomplexe und Infundibulumstrukturen. Haarwurzeln und Terminalhaare fehlen vollständig.
  • Postpubertär: Es zeigen sich verruköse Epidermishyperplasie sowie mächtige Talgdrüsenkomplexe mit unterschiedlich entwickelten apokrinen Drüsen. Haarfollikel fehlen.

Differentialdiagnose

Die Differenzialdiagnose richtet sich (s. unter klinisches Bild) nach dem Alter des Patienten.

Säuglingsalter und Kleinkindesalter:

  • Alopecia areata: Zuvor bestehende Behaarung. Follikel erhalten. 
  • Aplasia cutis congenita (ACC): bei Geburt häufig Erosion oder Ulkusbildung mit konsekutiver Narbenbildung (dieser Verlauf ist den Eltern bekannt).
  • Tinea capitis: Akuter Beginn; Schuppenbildungen, Follikel erhalten. Pilznachweis.  

Postpubertär:

  • In dieser Phase fällt die klinische Diagnose leicht. Differenzialdiagnostische sind gutartige Adnextumoren zu erwägen.      

Spätes Erwachsenenalter:

 

Komplikation

Bei etwa 10-30% der Fälle, Entwicklung verschiedener benigner aber auch maligner Adnextumoren, wie (die Prozentzahlen beziehen sich auf Neubildungen bei 707 Fällen von Naevus sebaceus, zit. n. Idriss MH et al.)  :

Therapie

Verlauf/Prognose

Günstig; bei einem Teil der Hamartome entwickeln sich gutartige Neubildungen der Adnexe wie Trichoblastome und Syringozystadenome. Seltener ist die Entwicklung maligner Geschwülste wie Basalzellkarzinome (ein Teil dieser als Basalzellkarzinom publizierten Fälle ist als Trichoblastom anzusprechen), duktale (apokrine) Adenokarzinome, Porokarzinome, Talgdrüsenkarzinome, spinozellulläre Karzinome und Keratoakanthome.

 Merke! Benigne oder maligne Transformationen sind erst in mittlerem bis hohem Erwachsenenalter zu erwarten, nicht im Kindes- oder Jugendalter.

Literatur
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  1. Benedetto L et al.(1990) Familial nevus sebaceus.J Am Acad Dermatol 23:130-132.
  2. Happle R et al. (2001) Didymosis aplasticosebacea: coexistence of aplasia cutis congenita and nevus sebaceus may be explained as a twin spot phenomenon. Dermatology 202:246-248.
  3. Hügel H et al. (2003) Ductal carcinoma arising from a syrigocystadenoma papilliferum in a nevus sebaceus of Jadassohn. Am J Dermatopathol 25: 490-493
  4. Idriss MH et al. (2014)  Secondary neoplasms associated with nevus sebaceus of
  5. Jadassohn: a study of 707 cases. J Am Acad Dermatol 70: 332-337
  6. Jaqueti G et al. (2000) Trichoblastoma is the most common neoplasm developed in nevus sebaceus of Jadassohn: a clinicopathologic study of a series of 155 cases. Am J Dermatopathol 22: 108-118
  7. Jadassohn J (1895) Bemerkungen zur Histologie der systematisierten Naevi und über "Talgdrüsen-Naevi?. Arch Dermatol Syphil (Berlin) 88: 355-394
  8. Lam J et al. (2008) SCALP syndrome: sebaceous nevus syndrome, CNS malformations, aplasia cutiscongenita, limbal dermoid, and pigmented nevus (giant congenital melanocytic nevus) with neurocutaneous melanosis: a distinct syndromic entity. J Am Acad Dermatol 58:884-888. 
  9. Moody BR, Hurt MA (2004) Surgical management of the cutaneous manifestations of linear nevus sebaceus syndrome. Plast Reconstr Surg 113: 799-800
  10. Munoz-Perez MA et al. (2002) Sebaceus naevi: a clinicopathologic study. J Eur Acad Dermatol Venereol 16: 319-324
  11. Sahl WJ Jr (1990) Familial nevus sebaceus of Jadassohn: occurrence in three generations.
  12. J Am Acad Dermatol 22:853-854.
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  14. Saphiro M et al. (1999) Spiradenoma arising in nevus sebaceus of Jadasson: Case report and literature review. Arch J Dermatopathol 21: 462-467
  15. Yang CC et al. (2014) Neoplastic skin lesions of thescalp in children: a retrospective study of 265 cases in Taiwan. Eur J Dermatol24:70-75
  16. Zutt M et al. (2003) Schimmelpenning-Feuerstein-Mims syndrome with hypophosphatemic rickets. Dermatology 207: 72-76

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Zuletzt aktualisiert am: 26.05.2018