Münchhausen-Syndrom F68.12

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Dermatitis autogenetica; Dermatitis autogenica; Münchhausen-Neurose; Pathomimicry

Erstbeschreiber

Miege, 1893; Menninger, 1934; Asher, 1951

Definition

  • Vortäuschung eines Krankheitsbildes mit demonstrativer, oft dramatischer Beschwerdeschilderung und falschen Angaben zur Anamnese auf dem Boden einer Persönlichkeitsstörung. Abzugrenzen ist das Syndrom von der Simulation (bewusste Absicht, einen erkennbaren Vorteil zu erlangen) und von der Hypochondrie (leiden an einer eingebildeten Krankheit ohne Selbstverletzung). Es wird davon ausgegangen, dass mangelnde Impulskontrolle, verminderte Angsttoleranz, Externalisierung von Konflikten und Fehlen differenzierter Abwehrmechanismen zur Bewältigung von Problemen bei der Erkrankung eine Rolle spielen können. Da die Erkrankung als Kompensation für Konflikte dient, wird die Abheilung vom Patienten selbst nicht unbedingt angestrebt.
  • Die Haut als Grenzorgan zwischen Mensch und Umwelt ist vielfach das Zielorgan der Selbstverletzung, so dass der Dermatologe relativ häufig mit der Erkrankung konfrontiert wird. Es ist davon auszugehen, dass 0,05-0,5% des gesamten Krankengutes auf ein Münchhausen-Syndrom zurückzuführen sind. Die Art der Selbstschädigung kann erfolgen durch Anwendung von Chemikalien, mechanische Schädigung wie Reiben und Kratzen, thermische Methoden, Einnehmen von Pharmaka wie Schilddrüsenhomonen oder Laxantien, Einführen oder Injektion kontaminierter Substanzen (z.B. in die Blase), Anwendung von Allergenen etc. Es zeigen sich i.d.R. unregelmäßige Hautveränderungen mit Ausläufern und regelmäßigem Grund, Fehlen typischer Primäreffloreszenzen, Narben am Rand oder anderen Stellen.

Ätiopathogenese

Die Ursachen sind nicht eindeutig geklärt. Diskutiert werden psychodynamische, psychosoziale, hirnorganische Einflussfaktoren. Nicht selten bestehen Suchtproblematik, dissoziative Zustände, Borderline- und antisoziale Persönlichkeitsstörungen. Pathogenetisch bedeutsam sind frühkindliche Entwicklungen mit Hinweisen auf zahlreiche traumatisierende Realerfahrungen, Trennungs- und Verlusterlebnisse, sexuelle und seelische Misshandlungen. Häufig sind chronische Erkrankungen familienanamnestisch nachweisbar. Auch für Pseudologia phantastica prädisponierende zerebrale Dysfunktionen können vorhanden sein.

Therapie

Literatur
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  1. Asher R (1951) Munchausen's syndrome. Lancet I: 339–341
  2. Bartsch C et al. (2003) Munchausen syndrome by proxy (MSBP): an extreme form of child abuse with a special forensic challenge. Forensic Sci Int 137: 147-151
  3. Eckhardt A (1992) Artifizielle Krankheiten (selbstmanipulierte Krankheiten) - Eine Übersicht. Nervenarzt 63: 409–415
  4. Gushurst CA (2003) Child abuse: behavioral aspects and other associated problems. Pediatr Clin North Am 50: 919-938
  5. Menninger KA (1934) Polysurgery and polysurgical addiction. Psychoanalysis Quarterly (New York) 3: 173-199
  6. Michalowski R (1985) Munchausen's Syndrome: A New Variety of Bleeding Type - Self-Inflicted Cheilorrhagia and Cheilitis glandularis. Dermatologica 170: 94–97
  7. Oostendorp I et al. (1993) Munchhausen-Syndrom. Artefakte in der Dermatologie. Hautarzt 44: 86–90
  8. Pankratz L (1981) A review of the Munchausen syndrome. Clin Psychol Review 1: 65–78
  9. Plassmann (1993) Psychoanalyse artifizieller Krankheiten. Shaker, Aachen.
  10. Rabinerson D et al. (2002) Munchausen syndrome in obstetrics and gynecology. J Psychosom Obstet Gynaecol 23: 215-218
  11. Rothenhausler HB et al. (2002) Munchhausen patients in general hospitals--Clinical features and treatment approaches in C-L psychiatry settings. Psychiatr Prax 29: 381-387
  12. Taylor S, Hyler SE (1993) Update on factitious disorders. Int J Psych Med 23: 81–94
  13. Tlacuilo-Parra JA et al. (2000) Factitious disorders mimicking systemic lupus erythematosus. Clin Exp Rheumatol 18: 89-93

Weiterführende Artikel (3)

Artefakte; Dermatitis artefacta; Psychotherapie;

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