Mastozytose systemische Q82.2

Zuletzt aktualisiert am: 19.06.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

Alle Autoren

Synonym(e)

Systemic mastocytosis; Systemische Mastozytose; Systemmastozytose

Erstbeschreiber

Ellis, 1949

Definition

Mastozytoseform, bei der neben den (meist) typischen Hauterscheinungen auch systemische Reaktionen wie Flush, Schwindel, Brechreiz, Abdominalkrämpfe, Magenulzerationen, Tachykardie, Fieber, Atembeschwerden u.a. auftreten. Leber- und Milzvergrößerung, häufig auf dem Boden von fibrosierenden Veränderungen, finden sich in ca. 70% der Fälle. Häufig sind zudem Osteolysen und Infiltration des Knochenmarks. 5-10% der Mastozytosen zeigen eine systemische Beteiligung. Die schwerste Form der systemischen Mastozytose ist die Mastzellenleukämie.

Eine systemische Mastozytose liegt vor, wenn das Hauptkriterium (multifokale dichte Mastzellaggregation von 15 oder mehr Zellen im Knochenmark und/oder einem/mehreren anderen extrakutanen Organen) und mindestens ein Nebenkriterium, oder bei fehlendem Hauptkriterium, drei der vier Nebenkriterien erfüllt sind.  

 

 

Einteilung

Entsprechend der WHO-Klassifikation (Arber DA et al. (2016) werden die systemischen Mastozytosen eingeteilt in:

  • indolente systemische Mastozytose (ISM)
  • smoldering systemic mastocytosis
  • systemische Mastozytose mit assoziierter hämatologischer Neoplasie (SM-AHN)
  • agressive systemische Mastozytose (ASM)
  • Mastzellleukämie (MCL)
  • Mastzellsarkom (MCL)

 

Klinisches Bild

Als Hautveränderungen kann eine typische kutane Mastozytose unter dem klinischen Bild der " Urticaria pigmentosa" vorhanden sein.

Die Hautveränderungen können jedoch sehr diskret sein oder komplett fehlen.

Als extrakutane Zeichen der systemischen Mastozytose werden Flush, Diarrhoe, Rhinitis  Kreislaufkollaps, Knochenschmerzen und Juckreiz in unterschiedlicher Ausprägung beobachtet. Deutlich seltener kommt es zu Tachykardie, Kopfschmerz, Fieber oder Gewichtsverlust. Die systemische Mastozytose geht je nach Ausprägungsgrad und Befallmuster mit Leber- und Milzvergrößerung, Anämie, Osteoporose und Frakturneigung einher. Wichtig ist ein erhöhtes Anaphylaxierisiko, z.B. nach Insektenstichen oder als Arzeimittelreaktion!

Diagnose

  • Urtikarieller Dermographismus (positives Dariersches Zeichen bei Hautläsionen).
  • Basisprogramm (s.a. Mastozytose): Tryptase im Serum (s.zur Wertigkeit des Tryptasewertes unter Mastozytose/Labor)
  • BB, Gerinnung, CRP, Elektrophorese, Gesamt IgE
  • Skelettszintigraphie, Rö-Thorax, Sono-Abdomen
  • Ggf. Knochenmarksbiopsie, Magen-Darmspiegelung.
  • Ggf. genetische Untersuchung mit Nachweis von Punktmutationen des c-Kit-Gens (s.u. Kit).

Differentialdiagnose

Externe Therapie

Entsprechend der diffusen Mastozytose.

Interne Therapie

  • Bei akuter Kreislaufsymptomatik mit drohendem Schock, s. Schock, anaphylaktischer. Ansonsten Therapie symptomatisch entsprechend dem klinischen Beschwerdebild (s. Tabelle 1). Antihistaminika eventuell als Kombination von H 1 -Antagonisten z.B. Levocetirizin (1mal/Tag 1 Tbl. Xusal) und H 2 -Antagonisten z.B. Cimetidin (Tagamet 200-800 mg/Tag), wirken positiv auf den Juckreiz und die Flush-Symptomatik. Die Wahl leicht sedierender Antihistaminika wie Clemastin (z.B. Tavegil) kann in manchen Fällen, insbes. bei Kindern, von Nutzen sein. Bei ausbleibendem Erfolg Therapieversuch mit Ketotifen (z.B. Zaditen 1-4 mg/Tag). Dinatriumcromoglicinsäure (z.B. Colimune 4mal/Tag 200 mg p.o.) bes. bei gastrointestinaler Symptomatik.
  • Glukokortikoide stellen wegen ihrer Nebenwirkung keine Dauerlösung dar und sind schweren Fällen (z.B. bullösen Formen im Kindesalter) vorbehalten. Falls erforderlich Prednisolon (z.B. Decortin H) in mittlerer Dosierung über 2-3 Wochen, anschließend absenken auf möglichst niedrige Erhaltungsdosis. Insbes. bei ausgedehnten systemischen Störungen (z.B. Resorptionsstörungen) können sie hilfreich sein. Bei systemischen, konnatalen Mastozytosen wurden gute Effekte mit Interferon alfa-2a (3mal/Woche Roferon A 1 Mio. IE s.c.) beschrieben.

Verlauf/Prognose

Juvenile Form: Oft Spontanremission. Bei Erwachsenen: Systembeteiligung und lange Persistenz.

Prophylaxe

Bei starker systemischer Symptomatik ständiges Mitführen eines Notfallsets, da es auch durch unspezifische Reize zur Mastzelldegranulation kommen kann. Notfallset: H1-Antihistaminika, Glukokortikoide, bzw. Adrenalin-Autoinjektor (z.B. Fastjekt Injektionslösung).

Tabellen

Therapie der systemischen Mastozytosen

Symptomatik

Therapie

Beispielpräparat

Dosierung für Erwachsene/Dauer der Anwendung

Pruritus, Flush

H1-Antihistaminika

sedierend

Clemastin (z.B. Tavegil Tbl., Sirup)

1-2 Eßl., 1 Tbl.

Nicht sedierend

Levocetirizin (z.B. Xusal Tbl.), Desloratadin (z.B. Aerius Tbl.)

1 Tbl.

Pruritus; Flush, bei Nichtansprechen auf H1-Antihistaminika; gastrointestinale Symptome

Mastzellstabilisatoren

Ketotifen (z.B. Zaditen Kps.)

2mal/Tag 1 mg

Cromoglicinsäure (z.B. Colimune Kps., Granulat)

400-800 mg/Tag

Gastrointestinale Symptome

H2-Antihistaminika (ggf. in Kombination mit H1-Antihistaminika)

Cimetidin (z.B. Tagamet)

400-800 mg/Tag

Flush

Kalziumantagonisten

Nifedipin (z.B. Adalat)

Schwere Fälle (z.B. Malabsorption oder bullöse Fälle im Kindesalter)

Glukokortikoide

Prednisolon (z.B. Decortin H)

40-60 mg/Tag über 2-3 Wochen; Erhaltungsdosis 15 mg jeden 2. Tag.

Ausgeprägte Hautbeteiligung

PUVA-Bad-Therapie oder systemische PUVA-Therapie

Meladinine Tbl.

3-4 mal/Woche für 2-3 Monate

Schwere progrediente Systembeteiligung, Splenomegalie

Splenektomie

Hinweis(e)

Kriterien für eine systemische Mastozytose (zitiert n. Wagner N et al. 2018). Eine systemische Mastozytose liegt vor wenn ein Hauptkriterium und mindestens 1 Nebenkriterium oder 3 Nebenkriterien erfüllt sind! 

Majorkriterien

  • multifokale dichte Mastzellaggregate von 15 oder mehr Zellen im Knochenmark und/oder einem /mehreren anderen extrakutanen Organen, bestätigt mittels Tryptase-Immunhistochemie oder anderen Spezialfärbungen

Minorkriterien

  • 25% der Mastzellen im Infiltrat in extrakutanen Organenoder im Blut weisen eine atypische oder spindezellige Morphologie auf
  • Nachweis einer KIT-Mutation im Codon 816 im Knochennmark, Blut oder anderen extrakutanen Geweben
  • Koexpression von KIT mit CD2 und /oder CD25-Expression der Mastzellen im Knochemakr, Blut oder anderen extrakutanen Organen 
  • Serumtryptase >20ng/ml 

Fallbericht(e)

  • Eine 52-Jahre alte Patientin litt seit etwa 10 Jahren unter unterschiedlich starkem, nur mäßig gut auf Antihistaminka ansprechendem Juckreiz (Pruritus sine materia!). In den letzten 2 Jahren wurde sie mehrfach notfallmäßig ambulant und stationär wegen anaphlaktischen Reaktionen behandelt. Ursächlich konnte einmal ein Wespenstich, das zweite Mal die Einnahme eines ACE-Hemmers (Anaphylaxie mehre Wochen nach Therapiebeginn!) und ein weiteres Mal die Einnahme eines Schmerzmittels festgemacht werden.
  • Befund: Der Hautbefund war komplett unauffällig. Im Serum zeigte sich ein mit 50 kU/l deutlich erhöhter Tryptase-Wert. Die jetzt veranlasste Knochenmarkbiopsie ergab eindeutige Hinweise auf eine systemische Mastozytose mit Infiltration von CD25-positiven Mastzellen und KIT-Mutation.

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Arber DA et al. (2016) The 2016 revision to the World Health Organization classification of myeloid
    neoplasms and acute leukemia. Blood 127:2391-405.
  2. Deb A et al. (2003) Images in clinical medicine. Systemic mastocytosis. N Engl J Med 349: e7
  3. Delling G et al. (2001) Histological characteristics and prevalence of secondary osteoporosis in systemic mastocytosis. A retrospective analysis of 158 cases. Pathologe 22: 132-140
  4. Dollner R et al. (2013) Non-allergic, mastocytosis-associated rhinitis. Clin Exp Allergy 43:406-412. 

  5. Ellis JM (1949) Urticaria pigmentosa: a report of a case with autopsy. Arch Pathol 48: 426-435
  6. Gasior-Chzan B et al. (1992) Systemic mastocytosis treated with histamine H1 and H2 receptor antagonists. Dermatology 184: 149-152

  7. Haustein UF, Bedri M (1997) Bullous mastocytosis in a child. Hautarzt 48: 127-129
  8. Jackson Roberts II L et al. (1991) Pharmalogical aspects of mast cell disease. J Invest Dermatol 96: 19S-25S
  9. Koide T et al. (2002) Systemic mastocytosis and recurrent anaphylactic shock. Lancet 359: 2084
  10. Kluin-Nelemans HC et al. (2003) Cladribine therapy for systemic mastocytosis. Blood 102: 4270-4276
  11. Krahl J et al. (1999) Systemische konnatale Mastozytose mit universeller Hautbeteiligung. Hautarzt 50: 893-896
  12. Metcalfe DD (1991) The treatment of mastocytosis: An overview. J Invest Dermatol 96: 55S-59S
  13. Valent P et al. (2003) Diagnosis and treatment of systemic mastocytosis: state of the art. Br J Haematol 122: 695-717
  14. Wagner N et al. (2018) Mastocytosis - pathogenesis, clinical manifestation and treatment.
    J Dtsch Dermatol Ges 16:42-57.
  15. Woodward T (2003) Systemic Mastocytosis. Curr Treat Options Gastroenterol 6: 35-38

Disclaimer

Bitte fragen Sie Ihren betreuenden Arzt, um eine endgültige und belastbare Diagnose zu erhalten. Diese Webseite kann Ihnen nur einen Anhaltspunkt liefern.

Abschnitt hinzufügen

Autoren

Zuletzt aktualisiert am: 19.06.2018