Lymphogranuloma venereum (inguinale) A55

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Anorektaler Symptomenkomplex; Bubo intraabdomineller; Durand-Nicolas-Favre-Krankheit; Elephantiasis genitalium; Elephantiasis genitoanorectalis ulcerosa; Esthiomène; Estiomène; Geschlechtskrankheit vierte; klimatischer Bubo; klimatischer oder tropischer Bubo; LGV; Lymphogranuloma inguinale; Lymphogranulomatosis inguinalis; Lymphogranuloma venereum; Lymphomatosis inguinalis suppurativa subacuta; Lymphopathia venerea; Morbus Durand-Nicolas-Favre; Nicolas-Durand-Favre-Erkrankung; Poradenitis inguinalis; vierte Geschlechtskrankheit

Erstbeschreiber

Hunter, 1786; Durand, Favre u. Nicolas, 1913; Frei, 1925

Definition

Seltene, zu den "sexuell transmitted diseases (STD)" zugehörige, v.a. in tropischen Ländern vorkommende und dort endemische meldepflichtige Infektionskrankheit durch Chlamyida trachomatis (L1-L3).

Erreger

Chlamydia trachomatis Serotyp L1-L3.

Vorkommen/Epidemiologie

In der westlichen Welt selten, in den Tropen und Subtropen häufigere venerische Erkrankung. Endemisch in Ost- u. Westafrika, Indien, Südostasien, Karibik und Südamerika.In einem großen spanischen Kollektiv wurden  LGV-Infektionen in >90% der Fälle in MSM (men who had sex with men)-Populationen nachgewiesen. In dieser Population lag die Inzidenzarate bei 282/100.000.    

Ätiopathogenese

Ansteckung nahezu nur durch Geschlechtsverkehr.

Manifestation

95% der Betroffenen sind Männer, überwiegend MSM (men who have sex with men).

Lokalisation

Vor allem an Glans penis, Kranzfurche, Präputium, vorderer Urethra, Vulva, Vagina, Zervix oder Portio.

Klinisches Bild

Inkubationszeit 5-10 Tage (z.T. auch mehrere Wochen).

  • Stadium I: Primärläsion (Penis/Vulva oder genitorektal): Schmerzlose hirsekorn- bis reiskorngroße Papel, Übergang in Papulovesikel oder Papulopustel, die flach ulzeriert und seröses Sekret entleert. Flaches, schmierig belegtes Ulkus. Die Primärinfektion kann  sich auch als erosive Proktitis oder Colitis darstellen.
  • Stadium II: Bubonen 2-4 Wochen nach der Primärläsion einseitige oder doppelseitige bis hühnereigroße, schmerzhafte Schwellung der Leistenlymphknoten; auf der Unterlage gut, gegen die Haut nicht verschiebbar. Die Oberfläche der Knoten imponiert erst rot, dann blaurot, schließlich braunrötlich. Abszessbildung, Perforation nach außen. Fistelbildung mit Entleerung eines rahmigen weißlichgrauen, bröckligen Eiters. Eingezogene Narbenbildung. Bei Sitz der Primärläsion in Vagina oder Rektum: Befall der perirektalen und para-aortalen Lymphknoten. "Intraabdomineller Bubo": Festsitzende geschwollene Drüsen auf der Innenseite der Beckenschaufel.
  • Stadium III: Elephantiasis genitoanorectalis ulcerosa, Esthiomène, anorektaler Symptomenkomplex. Über Jahre schwelendes Endstadium mit Geschwüren, Strikturen und Fibrosen in Urethra, Genitaltrakt und Rektum. Elephantiasis genitalium: Vergrößerte Labien von gummiartiger Konsistenz, glatte Wulstbildungen, tiefe Furchen, verruköse papillomatöse Wucherungen. Auch Elephantiasis von Skrotum und/oder Penis.
    • Anorektaler Symptomenkomplex mit Hämorrhoiden u. Condylomata acuminata. Beteiligung der Gerota-Lymphknoten mit konsekutiver schwerer Stauung oberhalb des Afters. Verdickter, verhärteter, infiltrierter, eingezogener Enddarm mit zahlreichen Geschwüren. Perianale und perirektale Fistelbildungen. Dünner, blutig-eitrig belegter Stuhl.

Therapie

Verlauf/Prognose

Bei frühzeitiger Therapie Ausheilung. Bei abszedierenden Entzündungen oft chronische Verläufe.

Prophylaxe

Kondomgebrauch

Hinweis(e)

  • Klassische Verläufe mit Ulzera am Penis und regionaler Lymphknotenschwellung werden zunehmend seltener beobachtet; so treten auch Infektionen unter dem Bild einer chronischen Proktitis auf.
  • Cave! Bei Frauen besteht Gefahr der Sterilität!

Fallbericht(e)

  • 26-jähriger Mann mit deutlich vergrößerten und druckschmerzhaften inguinalen Lymphknotenschwellung (s.Abb.). Vorausgegangen war vor 3 Monaten ein ungeschützter Kontakt mit unbekanntem Partner.
  • Befund: Kein genitales Ulcus (habe früher bestanden).
  • Urethra- und Rektalabstriche auf Chlamydien: negativ.
  • Labor: Chlamydien: LPS-IgM-ELISA: positiv; Syphilis: TPHA-Test: neg., VDRL: neg.
  • Bei persistierender Lymphadenopathie erfolgte eine Punktion des inguinalen Lymphknotens mit Sicherung einer Chlamydieninfektion durch Serovar L 2 mittels DNA-Nachweis.
  • Therapie: Doxycyclin 200mg/Tag p.o. über 3 Wochen
  • Verlauf: Abheilung des Befundes.

Literatur
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  2. Dal Conte I et al. (2015)  Lymphogranuloma venereum in North-West Italy, 2009-2014. Sex Transm Infect 91:472
  3. Durand NJ, Nicolas J, Favre M (1913) Lymphogranulomatose inguinale subaiguë d'origine génitale probable, peut-être vénérienne. Bulletin de la Société des Médecins des Hôspitaux de Paris 35: 274-288
  4. Gaydos CA et al. (2004) Comparison of three nucleic acid amplification tests for detection of Chlamydia trachomatis in urine specimens. J Clin Microbiol 42: 3041-3045
  5. Frei WS (1925) Eine neue Hautreaktion bei Lymphogranuloma inguinale. Klin Wochenschr (Berlin) 4: 2148-2149
  6. Gscheit F (1986) Genitale Clamydieninfektionen. Hautarzt 37: 312-319
  7. Hunter J (1786) A Treatise on the Veneral Disease. Longmans, London
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  13. Invasive and Non-Invasive Chlamydia trachomatis Genotypes during the
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