Lippenkarzinom C00.0-C00.1

Zuletzt aktualisiert am: 05.12.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Carcinoma spinocellulare der (Unter-)Lippe; Carcinoma spinocellulare der (Unter-) Lippe; Cheilocarcinoma; Karzinom der Lippe; Lippenkarzinom; Lippenkrebs

Definition

Plattenepithelkarzinom (Spinozelluläres Karzinom) des Lippenrots

Einteilung

Klassifikation (nach Dösak, 1995):
  • T1: Tumoren < 5 mm Tumordicke (histometrisch, TD), 5-Jahresüberlebensrate: 80%.
  • T2: Tumoren 5-10 mm TD, 5-JÜB: 68%.
  • T3: Tumoren 10-20 mm TD, 5-JÜB: 54%.
  • T4a: Tumoren > 20 mm TD (bis 20 mm klinischer Durchmesser), 5-JÜB: 21%.
  • T4b: Tumoren > 20 mm TD (> 20 mm klinischer Durchmesser), 5-JÜB: 21%.

Ätiopathogenese

Mangelhafte Mundhygiene, chronische Traumen durch schlecht sitzende Prothesen oder Zahnkanten, aktinische Schädigung, Rauchen. Meist Entwicklung aus Präkanzerosen wie orale Leukoplakie, Cheilitis actinica, Cheilitis abrasiva praecancerosa.

Manifestation

Bevorzugt bei Männern mittleren oder höheren Alters auftretend.

Lokalisation

Zentrofazial vor allem an der Unterlippe, nie an der Oberlippe! Häufige Infiltration des M. orbicularis oris.

Klinisches Bild

Auf vorgeschädigter Haut Ausbildung einer kleinen, flachen, deutlich konsistenzvermehrten, krustenbedeckten Ulzeration. Kontinuierliches endo- und exophytisches Wachstum; Auftreibung der Lippe. Verziehung der Mundwinkel. Metastasierung in regionale und ferne Lymphknoten bei ca. 15% der Patienten.

Histologie

Histopathologische Prognosekritierien (n. AWMF-Leitlinien
PT-Kategorie Definition der Prognosegruppe Metastasierungsrate
PT1-3a begrenzt auf Dermis und Tumordicke bis 2,0 mm 0%
PT1-3b begrenzt auf Dermis und Tumordicke > 2,0 mm bis 6,0 mm etwa 6%
PT1-3c Invasion der Subkutis und/oder Tumordicke > 6,0 mm etwa 20%
pT 4a Infiltration tiefer extradermaler Strukturen (T4): 6,0 mm oder < 6,0 mm etwa 25%
pT 4b Invasion tiefer extradermaler Strukturen (T4): > 6,0 mm bis etwa 40%

Differentialdiagnose

Keratoakanthom; verruköse Leukoplakie; Verrucae vulgares; syphilitischer Primäraffekt.

Therapie

Operation mit histologischer Randschnittkontrolle. Mit Ausnahme großer rekonstruktiver Eingriffe oder bei simultaner regionärer Lymphadenektomie können Operationen im Lippenbereich in Lokalanästhesie durchgeführt werden. Dei Theapieoptionen richtien sich nach der Tumordicke. (no risk: TD ≤ 2,0 mm; low risk: TD ≤ 2,1-5,0 mm; high risk: TD > 5,0 mm).
  • Schwere und flächenhafte Präkanzerosen sowie flache (low risk) Karzinome, die auf das Lippenrot begrenzt bleiben:
    • Oberflächliche Entfernung des Lippenrots, Mobilisation von Mundschleimhaut, die nach außen gezogen und mittels Einzelknopfnähten mit der Lippenhaut vernäht wird (Vermillion-Plastik).
    • Alternativ (insbesondere bei älteren multimorbiden Patienten): Kryochirurgie mit Stickstoff im offenen Sprayverfahren (2maliger Zyklus); Nebenwirkungen: Erhebliche Lippenschwellung.
  • Bei Tumorlokalisationen im Lippenrot oder in der Nähe der Lippenrotgrenze:
    • W-förmige Exzision des Defektes und Defektdeckung mittels eines arteriell gestielten Lappens aus der Oberlippe (Abbe-Plastik), die Durchtrennung des Lappens erfolgt nach etwa 4 Wochen.
    • Alternativ: V-förmige Exzision des Defektes und Defektdeckung aus dem seitl. Bereich der Oberlippe (Estlander-Plastik), eine Lappendurchtrennung entfällt, da der Defekt auf den lateralen Lippenanteil beschränkt bleibt. Falls erforderlich, kann nach einem Jahr eine Erweiterungsplastik des Mundwinkels durchgeführt werden.
  • Bei medial lokalisierten Tumoren, die mehr als die Hälfte der Unterlippe einnehmen oder als "high risk" Tumoren eingestuft werden: Penetrierende, keilförmige, mikrographisches Exzision.
    • Die Defektdeckung erfolgt entweder mittels in Verlängerung der Mundwinkel durchgeführter, durch alle 3 Schichten der Wange reichender Schnittführung sowie einem medialen, bis zum Kinn reichenden Schnitt, Verschiebung der beiden Lappen nach medial (V-förmige Defektdeckung), Lippenersatzplastik aus der Mundschleimhaut (Dieffenbach-Plastik).
    • Alternativ: Ebenfalls in Verlängerung der Mundwinkel durchgeführte Schnittverlängerung, Exzision von Burow-Dreiecken im Bereich der Nasolabialfalten, Defektdeckung durch Verschiebung nach medial, Lippenersatz aus der Mundschleimhaut (Bernhard-Burow-Bruns-Plastik).
    • Zusätzlich kann bei sehr großen Defekten zur Verbesserung des ästhetischen Ergebnisses im Kinnbereich eine Z- oder WY-Plastik durchgeführt werden.
  • Bei bereits vorhandenen Lymphknotenmetastasen im Bereich der Halslymphknoten:
    • En-bloc-Resektion des Tumors mit gleichzeitiger Neck-dissection auf der betroffenen Halsseite, Defektdeckung mittels Latissimus dorsi oder Pectoralis-Plastik, bei Inoperabilität ggf. Radiatio (s.a. Karzinom, spinozelluläres) oder Chemotherapie oder multimodale Therapie.
  • Bei bereits erfolgter Fernmetastasierung:
    • Weitestmögliche operative Reduktion der Tumormasse und nachfolgende Chemotherapie (s.u. Karzinom, spinozelluläres).
    • Alternativ: Multimodale Therapie (s.a.u. Karzinom, spinozelluläres).

Prophylaxe

Meiden von Alkohol- und Nikotin, Zahnpflege und -sanierung. Meiden starker Sonnenexposition ( Lichtschutzmittel). Behandlung von Präkanzerosen.

Literatur
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  1. Kumar P et al. (2002) Incomplete excision of basal cell carcinoma: a prospective multicentre audit. Br J Plast Surg 55: 616-622
  2. Petres J et al. (1996) Operative Dermatologie. Springer Verlag, Berlin Heidelberg New York S. 277–305
  3. Pietersma NS et al. (2015) No evidence for a survival difference between upper and lower lip squamous cell carcinoma. Int J Oral Maxillofac Surg doi: 10.1016/j.ijom.2014.10.024
  4. Saldanha G, Fletcher A, Slater DN (2003) Basal cell carcinoma: a dermatopathological and molecular biological update. Br J Dermatol 148: 195-202
  5. Schwenzer N (1990) Plastische und wiederherstellende Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie. In: Schwenzer N, Grimm G: Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde - Spezielle Chirurgie. Georg Thieme Verlag Stuttgart S. 670–769
  6. Thanh Pham T et al. (2015) Squamous cell carcinoma of the lip in Australian patients: definitive radiotherapy is an efficacious option to surgery in select patients. Dermatol Surg 41:219-225

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