Lichen simplex chronicus L28.0

Zuletzt aktualisiert am: 19.06.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Lichen chronicus simplex; Lichen chronicus Vidal; Lichen Vidal; localized circumscribed neurodermitis; Neurodermitis circumscripta; neurodermitis from rubbing; Vidalsche Krankheit

Erstbeschreiber

Vidal, 1886

Definition

Charakteristisches, jedoch unspezifisches, eminent chronisches, umschriebenes und  ortständiges, durch Scheuern hervorgerufenes, juckendes, plaqueförmiges, entzündlich-lichenoides Reaktionsmuster der Haut.

 

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Häufig auftretendes, sehr differenziert zu therapierendes (polyätiologisches) Symptom bei zahlreichen Haute...

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Ätiopathogenese

Ungeklärt

Diskutiert wird eine Minusvariante des atopischen Ekzems.

Atopiestigmata können jedoch komplett fehlen.

Beschrieben sind Beziehungen zu Magen-Darm-Störungen, Lebererkrankungen, Cholezystopathien, Diabetes mellitus

 Psychogene Faktoren: vielfach wird die Symptomatik zwar beklagt; ursächlich kristallisiert sich bei geduldigem Nachfragen das Kratzen als automatisierte, lustvolle (nahezu erotisierende) Handlung heraus.   

Manifestation

w>m;  Erstmanifestation im mittleren und höheren Erwachsenenalter, seltener im Kindesalter.

Lokalisation

Vor allem Nackenregion ("nachdenkliches" Reiben der Nackenpartien), Streckseiten von Unterarmen und -schenkeln, Ellenbogen (Aufstützen), Innenseiten der Oberschenkel, Knöchelregionen (häufiges Reiben der Knöchelpartien gegeneinander), Kreuzbeingegend (Scheuereffekte bei idiopathischem Juckreiz - s.a Notalgia paraesthetica), Skrotum + Vulva (hier auslösend Okklusiveffekte).

Klinisches Bild

  • Das Leitsymptom ist der starke (manchmal quälende)  Juckreiz, der sich in Stresssituationen verstärken kann. Es finden sich 10-15 cm große, rundliche oder ovale, seltener längliche oder streifenförmige Plaques, typischerweise mit einem Dreizonenaufbau: flächige zentrale Lichenifikation, randwärts lichenoide Knötchen, periphere Hyperpigmentierung. Die Plaques setzen sich aus 0,1-0,2 cm großen, soliden, planen, grau bis braunrötlichen oder hautfarbenen, nicht selten zerkratzte, lichenoiden Papeln  zusammen. Bei seitlicher Betrachtung der Herde kann man häufig einen matten (lichenoiden) Glanz der Läsionen erkennen.

Histologie

Ausgeprägte, plumpe Akanthose mit unregelmäßiger Elongation der meist kolbig aufgetriebenen Reteleisten. Kräftige Orthohyperkeratose mit fokaler Parahyperkeratose. Weite Kapillaren im Stratum papillare sowie in der oberen Dermis. Vorwiegend gefäßgebundenes, aber auch diffuses, eher schütteres lymphohistiozytäres Infiltrat. Meist deutliche Fibrose der Dermis, mit senkrecht zur Epidermis verlaufenden Kollagenbündeln. Das histologische Bild verlangt zu seiner Interpretation ein exaktes klinisches Korrelat. 

Therapie

  • Die Erkrankung erweist sich i.A. als äußerst therapieresistent. Therapeutische Richtlinien:
    • Die Therapie des Lichen simplex chronicus ist als Langzeitstrategie anzulegen!
    • Es sollte klargestellt werden, dass es sich um eine eminent chronische Erkrankung handelt!
    • Bei Bedarf sollte frühzeitig ein Psychotherapeut mit in die Therapie eingebunden werden!
  • Gegen den Juckreiz können Antihistaminika eingesetzt werden. Die Erfolge sind mäßig. Besser sind Glukokortikoid-haltige Salben z.B. Betamethasonvalerat  R029  oder Triamcinolonacetonid-haltige Cremes oder Salben.
  • Bei Sekundärinfektionen sind Kombinationstherapeutika wie Clioquinol-haltige Glukokortikoid-Externa (z.B. Locacorten-Vioform) oder Triclosan/Glukokortikoid-Kombinationen (Duogalen Creme) angezeigt.
  • Kurzfristig können immer wieder Okklusionsverbände angelegt werden.
  • Alternativ: Tacrolimus-haltige Externa (0,03% Protopic Salbe).
  • Gute Erfolge erzielt man mit mehrfachem Unterspritzen der Läsion mit Glukokortikoid-Kristall-Suspension (Volon A 10 Kristallsuspension gemischt mit 1% Xylocain).
  • In geeigneter Lokalisation kann Kryochirurgie (offenes Sprayverfahren, 1-2mal kurz einfrieren) eingesetzt und ggf. mit Triamcinolonacetonid-Unterspritzung kombiniert werden. Eigene Erfahrungen sind durchaus positiv.
  • Eine Therapie mit Steinkohlenteer ist ambulanten Patienten häufig nicht zumutbar. Eine 2-5% Steinkohlenteersalbe ist jedoch wirksam, bei Akzeptanz durch den Patienten kann sie im Wechsel mit einem Glukokortikoidexternum eingesetzt werden.
  • Bei geeigneter Lokalisation kann lokale PUVA-Therapie eingesetzt werden. Bei genitaler Lokalisation empfehlen wir neben den oben angeführten Maßnahmen konsequente Anwendung von Sitzbädern, ggf. mit gerbenden Zusatzstoffen (z.B. Tannosynt).
  •  Dermatologische Klimatherapie (Nordseebäder) bringt in einigen Fällen sehr gute Erfolge.

Bestrahlungstherapie

Phototherapie ist beim Lichen simplex chronicus wirksam, insbesondere Schmalband-UVB.

Verlauf/Prognose

Chronischer schubweiser Verlauf.

Hinweis(e)

Entscheidend für die Diagnose sind Klinik und Histologie. Das Fehlen oder Vorhandensein von Atopie-Zeichen (Erhöhung des IgE-Spiegels, Sensibilisierungen im Epikutan- und Pricktest) hilft bei der Diagnosestellung nicht!

Bei genitalem oder perianalem Lichen simplex chronicus empfiehlt sich das Tragen einer geeigneten, nicht eng ansitzenden Unterwäsche.  

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Chan MP et al. (2015) Vulvar dermatoses: a histopathologic review and classification of 183 cases. J Cutan Pathol 42: 510-518
  2. Fartasch M et al. (2000) Current status of the interdisciplinary model project "Neurodermatitis Education for Children and Adolescents". Hautarzt 51: 299-301
  3. Niedner R (2003) Topical corticosteroids versus topical inhibitors of calcineurin. Hautarzt 54: 338-341
  4. Pandhi D et al. (2001) Lupus vulgaris mimicking lichen simplex chronicus. J Dermatol 28: 369-372
  5. Tan ES et al. (2014) Effective treatment of scrotal lichen simplex chronicus with 0.1% tacrolimus ointment: an observational study. J Eur Acad Dermatol Venereol 25. doi: 10.1111/jdv.12500
  6. Vidal E (1886) Du lichen (lichen, prurigo, strophulus). Ann Dermatol Syphilogr (Paris) 7: 133-154
  7. Virgili A et al. (2003) Evaluation of contact sensitization in vulvar lichen simplex chronicus. A proposal for a battery of selected allergens. J Reprod Med 48: 33-36

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