Hyperhidrose (Übersicht) R61.9; G90.8

Synonym(e)

Hyperhidrosis; Ephidrosis; Hyperhidrosis; Sudorrhoe, krankhaftes Schwitzen, pathologisches Schwitzen; primary focal hyperhidrosis; primäre fokale Hyperhidrose; Schwitzen;

Definition

  • Lokalisiert oder generalisiert auftretendes, vermehrtes Schwitzen mit übermäßiger Steigerung der ekkrinen und apokrinen Sekretion von Schweiß unterschiedlicher Ätiologie.
  • Die primäre Hyperhidrose (auch primäre fokale Hyperhidrose) wird als idiopathische, bilaterale, weitgehend symmetrische, nicht-physiologische Störung (Erkrankung) beschrieben.
  • Die sekundäre Hyperhidrose tritt im Rahmen von Grunderkrankungen auf.
  • Im Rahmen von Studien wurde für die Hyperhidrosis palmaris eine Ruheschweißsekretion von > 20 mg/Handfläche/Min. definiert, für die Hyperhidrosis axillaris von > 50 mg/Axilla/Min.

Einteilung

Eine grundsätzliche Einteilung erfolgt danach, ob die Hyperhidrose idiopathisch (primäre Hyperhidrose) oder im Rahmen von Grunderkrankungen (sekundäre Hyperhidrose) auftritt. Bei der primären Hyperhidrose erfolgt eine weitere Unterteilung durch die Lokalisation (z.B. axillär). Je nach Auftreten der übermäßigen Schweißsekkretion unterscheidet man:

Vorkommen/Epidemiologie

Prävalenz (USA): ca. 2,8% der Bevölkerung. Prävalenz (BRD): ca. 1-2% der Bevölkerung.

Ätiopathogenese

Diagnose

Wesentliche Größe der Hyperhidrose ist die Einschränkung der Aktivitäten des täglichen Lebens, da sie Ausprägungsgrad und Lebensumfeld in Beziehung setzt. Zur Bestimmung schwitzender Körperareale ist der Minorsche Schwitzversuch geeignet. Als einfache Messgröße für das tägliche Arbeiten hat sich der Hyperhidrosis Severity Scale -Test (HDSS) als brauchbar erwiesen.     

Therapie

  • Anamnese: Eine gründliche Ursachenforschung ist unabdingbar. Die axilläre Hyperhidrose wird symptomatisch behandelt, wofür verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die je nach Lokalisation der Hyperhidrose unterschiedlich sind (s.u. Hyperhidrosis axillaris).
  • Vorgehen nach einem kontrollierten Stufenplan:
    • Reinigung und Hautpflege: Regelmäßige Hygiene der Achselhöhlen.
    • Hierzu gehört das unter Umständen mehrfache tgl. Waschen der Achselhöhlen unter Verwendung desodorierender Syndets oder Seifen (Dermowas, Sebamed u.a.).
    • Rasieren: Achselhaare entfernen, um Bakterienwachstum (Corynebacterium tenuis) zu hemmen (s. Trichobacteriosis axillaris)
    • Deodorants: Auftragen eines Deodorants mehrmals tgl. zur Neutralisierung des unangenehmen Achselgeruchs. Auch Puder haben sich bewährt.
    • Bekleidung: Tragen möglichst weit geschnittener, atmungsaktiver Hemden und Unterhemden (keine Kunstfasern, stattdessen Baumwolle). Keine fest anliegenden Kleider.
    • Antihidrotika: Zu den Antitranspiranzien zählen lokal aufgetragene chemische Mittel wie Gerbstoffe, Aldehyde und Aluminiumsalze, die besonders bei axilliärer Hyperhidrose eingesetzt werden.
    • Iontophorese: Einsatz insbesondere bei vermehrtem Hand- und Fußschweiß, teilweise auch bei starkem Achselnässen eingesetzt. Nicht geeignet ist die Therapie für schwangere Frauen und Patienten mit Herzrhythmusstörungen, Herzschrittmachern oder Endoprothesen. Initial: Therapieversuch mit 10 Min./Tag (Pulsstromgerät) 4-5mal/Woche über 3-4 Wochen. Bei nachgewiesener Wirksamkeit Fortsetzung als Heimtherapie mit 3-4 Behandlungen/Woche.
    • Botulinumtoxin: Ein wesentlicher Fortschritt ist die Behandlung durch Botulinumtoxin A. Es führt zu einer Hemmung der Übertragung von Nervenreizen auf die Schweißdrüsenzellen und wird in erster Linie zur Behandlung der axilliären Hyperhidrose eingesetzt. Der Wirkstoff ist für das Präparat Botox für diese Indikation zugelassen. Die Behandlung ist teuer; die Wirkung tritt zuverlässig ein. Sie ist zeitlich begrenzt (6-11 Monate), jedoch bei nachlassendem Effekt wiederholbar. Bewährt hat sich die Unterteilung der hyperhidrotischen Areale in 2 × 2 cm große Kästchen. Es werden pro Kästchen 3 MU Botox (Verdünnung: 100 MU Botox/5 ml 0,9% NaCl) fächerförmig intradermal injiziert. Der Therapieerfolg wird nach 2-3 Wochen kontrolliert. Noch verbleibende hyperhidrotische Areale können ggf. nachinjiziert werden. Nebenwirkung: Schmerzhaftigkeit der Injektionen. Therapien mit Botulinumtoxin gehören in die Hand des erfahrenen Arztes!
  • Systemtherapie:
    • Für die innerliche Anwendung stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung wie Salbeiprodukte (z.B. Sweatosan N) oder Anticholinergika (z.B. Methantheliniumbromid [Vagantin] oder Bornaprin [Sormodren]).
  • Operative Behandlungen:
    • Nach Versagen aller konservativer Methoden können je nach Lokalisation verschiedene operative Methoden in Betracht gezogen werden (s.u. Hyperhidrosis axillaris). Bei der axillären Hyperhidrose können u.a. Schweißdrüsenkurettage, Schweißdrüsensaugkurettage und Exzision der Schweißdrüsenareale mit konsekutiver Defektdeckung angewendet werden.
    • Bei der Hyperhidrosis pedum et manuum, wie auch beim profusen Ganzkörperschwitzen kann bei Versagen anderer Therapieoptionen die endoskopisch thransthorakale Sympathektomie in Erwägung gezogen werden. Die Methode erfolgt als minimal invasiver Eingriff über einen endoskopischen Zugang; sie ist effektiv und dauerhaft wirksam. 2 große Nebenwirkungen wurden beschrieben: Postoperativer Pneumothorax < 2%; passageres kompensatorisches Schwitzen < 20%.

Prophylaxe

Es empfiehlt sich, Situationen und Voraussetzungen zu meiden, die zu einer übermäßigen Schweißproduktion führen. Es ist wichtig, ein normales Körpergewicht anzustreben. Grundlegend hierfür ist eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Scharfe "schweißtreibende" Gewürze, Alkohol, heißer Kaffee und Tee sowie Nikotin sollten reduziert weren. Zudem emfpiehlt sich das Tragen einer atmungsaktiven, luftigen und nicht übermäßig warmen Kleidung (möglichst aus Naturfasern). Wichtig sind weiterhin Minderung und Bewältigung von Stress-Situationen, zu denen gut durchdachte Zeitpläne, Entspannungsübungen und entsprechende Ausdauersportarten oder ausgleichende Freizeitaktivitäten gehören.

Hinweis(e)

Nicht unterschätzt werden darf die Tatsache, dass die übermäßige Schweißproduktion für die Patienten nicht nur mit einem äußerst unangenehmen Körpergefühl mit möglicher Geruchsbelästigung (s.u. Bromhidrose, ekkrine) verbunden ist, sondern auch einen starken Einfluss auf den Alltag in seinem sozialen Umfeld nehmen kann. Untersuchungen zur Lebensqualität ( DLQI = Dermatology Life Quality Index) ergaben die höchsten (!) Einschränkungen der Lebensqualität bei allen dermatologischen Erkrankungen. Bei Manifestation der Erkrankung an den Händen (s.u. Hyperhidrosis pedum et manuum) mündet dies bei vielen Patienten in Scham oder Angst, anderen Menschen die Hand zu geben. Bei der axillären Hyperhidrose ist für die Betroffenen häufig die sichtbare Durchfeuchtung der Kleidung das Problem. Als ebenso belastend empfunden wird häufig die eintretende Geruchsbelästigung. Hieraus können Einschränkungen der beruflichen Tätigkeit sowie eine soziale Vereinsamung resultieren.

Literatur

  1. Chen J et al. (2015) A novel locus for primary focal hyperhidrosis mapped on chromosome 2q31.1. Br J Dermatol 172: 1150-1153
  2. Finlay AY et al. (1992) Dermatology life quality index (DLQI) - a simple practical measure for routine clinical use. Clin Exp Dermatol 19: 210-216
  3. Fujimoto T et al. (2013) Epidemiological study and considerations of primary focal hyperhidrosis in Japan: from questionnaire analysis. J Dermatol 40: 886-890

  4. Hamm H et al. (2005) Primary focal hyperhidrosis: disease characteristics and functional impairment. Dermatology 212: 343-353
  5. Kuhajda I et al. (2015)  Semi-Fowler vs. lateral decubitus position for thoracoscopic sympathectomy in treatment of primary focal hyperhidrosis. J ThoracDis 7 (Suppl 1): 5-11

  6. Lowe NJ et al. (2007) Botulinum toxin type A in the treatment of primary axillary hyperhidrosis: a 52-week multicenter double-blind, randomized, placebo-controlled study of efficacy and safety. J Am Acad Dermatol 56: 604-611
  7. Strutton DR et al. (2004) US prevalence of hyperhidrosis and impact on individuals with axillary hyperhidrosis: results from a national survey. J Am Acad Dermatol 51: 241-248

Disclaimer

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Zuletzt aktualisiert am: 09.08.2017