Hyalinosis cutis et mucosae E78.8

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

lipoidosis cutis et mucosae; Lipoidproteinose; Lipoidproteinose Urbach-Wiethe; lipoid proteinosis; lipoproteinosis; Roessle-Urbach-Wiethe-Syndrom; Urbach-Wiethe-disease; Urbach-Wiethe-Syndrom

Erstbeschreiber

Siebenmann, 1908; Wiethe, 1924; Urbach, 1933

Definition

Seltene, autosomal rezessive Genodermatose, die sich durch Ablagerung von hyalinen und lipidhaltigen Substanzen in Haut und  Schleimhäute kennzeichnet. Im Laufe der Erkrankung kann es zum Befall innerer Organe einschließlich des Gehrins  kommen.

Vorkommen/Epidemiologie

Gehäuftes Vorkommen in Südafrika (hier überwiegend bei deutschstämmigen Einwandern). Mitteleuropa mit Schwerpunkt Deutschland und Österreich, Asiaten

Ätiopathogenese

Autosomal-rezessiv vererbter Defekt des ECM1-Gens (Genlokus: 1q21) mit konsekutiver Störung des extrazellulären Proteins 1 (Extracellular matrix protein-1). Pathogenetisch scheint das hyaline Material durch Eiweißaustritt aus den Gefäßen und durch Sekretionsleistung der Fibroblasten sowie sekundäre Lipideinlagerungen zu entstehen. Die Ablagerungen enthalten Basalmembrankomponenten und die Kollagentypen III, IV und V.

Manifestation

Alter bei Diagnosestellung: Säuglingsalter oder in der frühen Kindheit (1.-3. Lebensjahr). Erstsymptome = Heiserkeit.  

Lokalisation

Gesicht, Rand der Ober- und Unterlider, der Lippen, an den Fingerkanten, Ellenbogen, Knie und in den Achselhöhlen.

Klinisches Bild

Erstsymptome:

  • Erstes Symptom ist häufig (eine unerklärliche) Heiserkeit (Einlagerungen von hyalinem Material in den Larynx)!
  • Als erste Hauterscheinungen werden kleine Krusten und Vesikeln im Gesicht und an den Extremitäten wahrgenommen. Diese führen zu kleinen, akneiformen "ice-pick" -Narben.

Spätere Hauterscheinungen:

  • Ersteindrücklich ist der starre Gesichtsausdruck mit ausgeprägter perioraler und frontaler Furchenbildung. Gelb-weißliche, stecknadelkopfgroße Knötchen; an den Streckseiten der Extremitäten: Konfluenz zu plattenartigen, derben Plaques, teilweise mit bräunlicher verruköser oder krustiger Oberfläche.
  • Blasenbildung und Ulzerationen sind schon nach geringfügigen Traumen möglich. Abheilung unter pockenähnlicher Narbenbildung.
  • Verzögertes Haar- und Nagelwachstum, ggf. bleibender Haarverlust ( vernarbende Alopezie) infolge der hyalinen Einlagerungen.
  • Differenzialdiagnostisch wichtig ist eine ausgeprägte Vulnerabilität und Blasenbildung der Haut bereits im Säuglings- und Kleinkindesalter.

Extrakutane Manifestationen:

  • Noch vor den Hauterscheinungen werden blass-weiße bis weiß-gelbliche, meist prominente Einlagerungen sichtbar, vor allem an Wangenschleimhaut, an der Lippenschleimhaut, am Pharynx, Tonsillen und Kehlkopf.
  • Zunehmende Makroglossie, Verlust der Zungenbeweglichkeit durch ein verdicktes Zungenbändchen.
  • Schmerzhafte rezidivierende Parotisschwellungen (Einengung des Ductus paroticus) sowie Dysphagien.
  • Persistierendes Milchgebiss mit Aplasie oder Hypoplasie der seitlichen oberen Schneidezähne.
  • Mitbeteiligung von Trachea und Bronchien bis zur Atemwegsobstruktion ist möglich.
  • Befall von Ösophagus, Magen, Rektum und Vagina; verminderte Wundheilungstendenz.
  • Assoziierte Symptome: U.a. Krampfanfälle, geistige Retardierung, symmetrische Verkalkungen im Gehirn.

Labor

Dysproteinämie, pathologische Glukosetoleranz.

Histologie

  • Eher flaches Oberflächenepithel mit deutlicher orthokeratotischer Hyperkeratose. Die papilläre Dermis ist hyalinisiert, verquollen und zellarm. Extrazelluläre PAS-positive, Diastase-resistente Hyalinablagerungen im Stratum papillare und Stratum reticulare um Gefäße und Adnexe. In älteren Herden sind diese Ablagerungen zwiebelschalenartig verdickt und können die gesamte papilläre Dermis ausfüllen. Kräftige hyaline Ablagerungen finden sich ebenfalls um die ekkrinen Schweißdrüsen.
  • Elektronenmikroskopie: Subepidermale Zone, die aus Basallaminae der dermo-epidermalen Junktionszone besteht, zwischen die hyalines Material eingelagert ist. Die Gefäße sind mantelförmig von Basallaminae und hyalinem Material umgeben. In der oberen Dermis sind die elastischen Fasern fast vollständig verdrängt.

Differentialdiagnose

Therapie

Verlauf/Prognose

Günstig. Bis zum Erwachsenenalter progredienter Verlauf.

Literatur
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  1. Dogramaci AC et al. (2012) Lipoid proteinosis in the eastern Mediterranean region of Turkey. Indian J Dermatol Venereol Leprol 78:318-322

  2. Hamada T et al. (2002) Lipoid proteinosis maps to 1q21 and is caused by mutations in the extracellular matrix protein 1 gene (ECM1). Hum Mol Genet 11: 833-840
  3. Ramsey ML, Tschen JA, Wolf JE Jr (1985) Lipoid proteinosis. Int J Dermatol 24: 230-232
  4. Siebert M et al. (2003) Amygdala, affect and cognition: evidence from 10 patients with Urbach-Wiethe disease. Brain 126: 1-11
  5. Urbach E (1933) Kutane Lipoidosen. Derm Z Berlin 66: 371
  6. Urbach E, Wiethe C (1929) Lipoidosis cutis et mucosae. Virchows Arch Path Anat 273: 285-319
  7. Vago B et al. (2007) Hyalinosis cutis et mucosae. JDDG 5: 401-405
  8. Wiethe C (1924) Kongenitale, diffuse Hyalinablagerungen in den oberen Luftwegen, familiär auftretend. Z Hals-, Nasen-, Ohrenheilk 10: 359
  9. Wong CK et al. (1988) Remarkable response of lipoid proteinosis to oral dimethyl sulphoxide. Br J Dermatol 119: 514-544
  10. Zhang R et al. (2014) Treatment of lipoid proteinosis due to the p.C220G mutation in ECM1, a major allele in Chinese patients. J Transl Med 12:85

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