Glossodynie K14.6

Zuletzt aktualisiert am: 03.10.2019

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Burning Mouth Syndrom; Burning mouth syndrome; Glossalgie; Glossopyrosis; Mundbrennen; Orale Dysästhesie; Zungenbrennen; Zungenschmerzen

Definition

Chronische Missempfindungen im Bereich der Mundhöhle und/oder Zunge (chronische oro-linguale Dysästhesien), die sich als extrem unangenehm empfundenes Brennen, Stechen, Kribbeln, Jucken sowie Gefühl des Wundseins und anderen Missempfindungen äußern. Ggf. sind diese Symptome mit gestörtem oder schlechtem Geschmacksempfinden (und Geruchssinn) verbunden.

Vorkommen/Epidemiologie

Die Prävalenz liegt zwischen 80-120/100.000. Die höchste altersjustierte Prävalenz findet sich bei Frauen zwischen 70 und 80 Jahren mit etwa 500/100.000.

Ätiopathogenese

Meist bestehen psychische Ursachen, z.B. im Rahmen einer larvierten Depression oder Involutionsdepression bei Karzinophobie. Kontaktsensibilisierungen können bei etwa 70% der Patienten nachgewiesen werden (s.u.). Sekundäres Auftreten als Begleitsymptom bei:

Lokale Faktoren:

Systemische Faktoren: 

Manifestation

Vor allem bei Frauen zwischen dem 45.-70. LJ auftretend, häufig im und nach dem Klimakterium. Bei Kindern kommt dieses Symptom praktisch nicht vor. w:m=4:1.

Klinisches Bild

Bis auf Zungenbrennen und/oder Zungenschmerzen kein klinischer Lokalbefund; nur äußerst selten geringe entzündliche Rötung der Zunge. Typische Klagen sind ständiges Gefühl einer verbrannten Zunge (hot tongue syndrome) sowie brennende oder stechende Schmerzen (burning mouth syndrome).

Assoziierte Störungen:

Mundtrockenheit (66%)

Geschmacksstörungen (11%)

Oft zeigen sich Zeichen einer milden Depression, Schlaflosigkeit und allg. Antriebslosigkeit.

Die Glossodyniee kan wie folgt eingeteilt werden:

  • Typ I: Beginn der Beschwerden meist am Morgen mit Verstärkung während des Tages. Beschwerden werden gegen Abend bei Ermüdung dann unerträglich.
  • Typ II: Kontinuierliche Symptomatik (häufig kombiniert mit Kontaktallergien)
  • Typ III (häufigster Typ): Intermittierende Schmerzsymptomatik.

Anamnestisch bringen viele Pat. eine zuvor durchgemachte zahnärztliche Behandlung in einen kausalen Zusammenhang.

Histologie

Normale Schleimhaut, keine Zeichen einer Inflammation. Zeichen einer „small fibre neuropathy“. 

Therapie

Schwierig zu therapierendes Krankheitsbild, da häufig kein organisches Substrat fassbar ist. Eine Epikutantestung sollte bei der relativ hohen Zahl an Kontaktallergien durchgeführt werden.

Psychotherapie führt oft nicht zur Beschwerdefreiheit, sollte aber trotzdem diskutiert werden.

Wichtig: Die kontinuierliche Betreuung durch einen erfahrenen, geduldigen Arzt ist notwendig. Ggf. Therapie einer Grunderkrankung.

Externe Therapie

Milde Spülungen mit Stomatologika wie Kamillenextrakten (Kamillosan Lösung) und

anästhesierenden Lösungen wie Benzocain vor dem Essen (z.B. Dolo-Dobendan Lösung).

Gelegentlich v.a. bei zusätzlicher Mundtrockenheit helfen künstliche Speichelprodukte.

Erfolge wurden auch mit der topischen Anwendung von Clonazepam erzielt (Liu YF et al. 2018), 3 minütiges Lutschen einer Clonazepam 1 mg, Tablette, dann ausspucken, 3 x täglich für 14 Tage (Die Autoren (Gremeau-Richard C et al. 2004) vermuten dabei eine – über den Placebo-Effekt hinausgehende – lokale Wirkung des Clonazepams auf den Benzodiazepin-GABA-A-Rezeptorkomplex in den Nervenendigungen der Zungenschleimhaut) 

 

Interne Therapie

Anfangserfolge auf verschiedene Pharmaka wie Carbamazepin (z.B. Tegretal) 400-800 mg/Tag in 3-4 ED (langsamer Dosisaufbau) oder trizyklische Antidepressiva (z.B. Saroten) 3mal/Tag 25 mg p.o., max. 150 mg/Tag. Im chronischen, oft jahrelangen Verlauf, der das Privat- wie auch das Berufsleben beherrscht, kann sich zusätzlich ein Medikamentenabusus einstellen.

Bei komplettem therapeutischem Misserfolg bieten sich als ultima ratio wechselseitige Bockaden des Ganglion cervicale superius oder des Ganglion stellatum an.

Hinweis(e)

Die Glossodynie ist eine Ausschlußdiagnose.

Psychogene, chronische, oro-linguale Dysästhesien sind häufig der somatisierte Ausdruck eines schweren, seelisch nicht verarbeiteten Verlusterlebnisses (familiärer Konflikt, Partnerverlust, Klimakterium, Familienzerfall u.a.).

Kommt in einer solchen Krisensituation noch der Verlust der Zähne (Prothese) mit Bewusstwerden des Alters hinzu, so reagieren entsprechend disponierte Patienten, meist unbewusst, mit einem oralen Dysästhesiesymptom.

Literatur
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  1. Al Quran FA (2004) Psychological profile in burning mouth syndrome. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod 97: 339-344
  2. Coculescu E et al. (2014) Burning mouth syndrome: a review on diagnosis and treatment. J Med Life 7:512-515
  3. Dal Sacco D et al. (2005) Contact allergy in the burning mouth syndrome: a retrospective study on 38 patients. Acta Derm Venereol 85: 63-64
  4. Drage LA et al. (1999) Clinical assessment and outcome in 70 patients with complaints of burning or sore mouth symptoms. Mayo Clin Proc 74: 223-228
  5. Formaker BK et al. (1998) The effects of topical anaesthesia on oral burning in burning mouth syndrome. Ann NY Acad Sci 855: 776-780
  6. Gremeau-Richard C et al.(2004) Topical clonazepam in stomatodynia: a randomised placebo-controlled study. Pain108: 51–57
  7. Kohorst JJ et al. (2014) The Prevalence of Burning Mouth Syndrome: A Population-Based Study. Br J Dermatol doi: 10.1111/bjd.13613.
  8. Liu YF et al. (2018) Burning mouth syndrome: a systematic review of treatments.
    Oral Dis 24:325-334.
  9. Lynde CB et al. (2014) Burning mouth syndrome. J Cutan Med Surg 18: 174-179
  10. McMillan R et al. (2016) Interventions for treating burning mouth syndrome. Cochrane Database Syst Rev 11:CD002779.
  11. Scala A et al. (2003) Update on burning mouth syndrome: overview and patient management. Crit Rev Oral Biol Med 14: 275-291

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