Fibromyalgie-Syndrom, primäres M79.0

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Erstbeschreibung 1904 als Fibrositis

Definition

Oftmals schwierig zu diagnostizierende rheumatologische Erkrankung (Formenkreis: Weichteilrheumatismus), einhergehend mit diffusem, multilokulärem, chronischem Schmerzsyndrom mit typischen Schmerzpunkten (tender points). Meist vegetative oder funktionelle Störungen.

Vorkommen/Epidemiologie

Nicht auf bestimmte soziologische und ethnische Gruppen sowie Rassen beschränkt. Ca. 0,7 bis 3,2% der Bevölkerung sind von dieser Krankheit betroffen. w:m=9:1; familiäre Häufung (genetische Dispostion + psychosoziale Aspekte); Risikofaktoren sind assoziierte rheumatische Erkrankungen (>50%)

Ätiopathogenese

Unbekannt.

Manifestation

Am häufigsten bei Frauen zwischen 30 und 60 Jahren aber auch bei älteren Patienten. 

Lokalisation

Unspezifisch (keine Prädilektionsstellen).

Klinisches Bild

Starke Schmerzen im Bereich von Sehnen (insbes. an Tender points) und Muskeln. Schmerzen sind oft großflächig, können aber auch bei manchen Betroffenen punktgenau lokalisiert werden. Die Schmerzqualität wird häufig als reißend und ziehend beschrieben. Die Patienten haben oft das Gefühl, die schmerzhaften Weichteile seien diffus geschwollen; kleine Verdichtungen des Unterhautfettgewebes werden als schmerzhafte Knötchen empfunden. Häufig schwierige vegetative (kalte Akren, Xerostomie, Hyperhidrosis, Tremor) oder funktionelle Symptome (Schlafstörungen, Abgeschlagenheit, Dysästhesien, Migräne, Globusgefühl, Steifigkeitsgefühl, gastrointestinale Beschwerden, Atem- und Herzbeschwerden).

Diagnose

Anamnese unter Berücksichtigung der ACR-Kriterien (American College of Rheumatology) sowie Ausschluss anderer Erkrankungen.
  • Kriterien gemäß ACR: Schmerzsymptomatik in mindestens 3 Körperregionen (Unterteilung linke/rechte Körperseite, ober- und unterhalb der Gürtellinie) über mindestens 3 Monate mit 11 schmerzhaften von 18 getesteten Tenderpoints.
  • Tenderpoints:
    • Occiput bds. (Sehnenansätze der subocc. Muskeln)
    • Ligamenta transversaria C5-C7 bds.
    • M. trapezius am Schultersattel bds.
    • M. Supraspinatus bds. am mittleren Rand der Spina Scapulae
    • Knochen-Knorpelgrenze der 2. Rippe bds.
    • Epicondylus lateralis Ellenbogen bds.
    • Crista iliaca bds.
    • Trochanter major bds.
    • Pes anserinus an den Knien bds.
  • Palpationen der Tenderpoints müssen mit großer Druckkraft (ca. 4 kg) ausgeführt werden. Der Patient muss zur Verifizierung eines positiven Tenderpunktes bestätigen, dass Schmerzen empfunden wurden. Zur Verifizierung des Fibromyalgie Syndromes kann der Befund durch die Palpation nicht druckschmerzhafter Kontrollpunkte erhärtet werden.
  • Druckindolente Kontrollpunkte:
    • Stirnmitte, 2 cm supraorbital
    • Clavicula - Übergang laterales/mittleres Drittel
    • Unterarmmitte, zwischen Speiche und Elle dorsal, 5 cm oberhalb des Handgelenks
    • Daumennagel
    • Thenarmitte (Daumenballen)
    • M. biceps femoris (Mitte Oberschenkel)
    • Tuber calcanei (Übergang von der Ferse zur Fußsohle).

Differentialdiagnose

Entzündliche und degenerative Wirbelsäulen- und Gelenkleiden; Chronic-fatigue-Syndrom; Psychosen; Lupus erythematodes; Sklerodermie; Dermatomyositis.

Therapie

  • Schwierig zu therapierendes Krankheitsbild. Therapieansätze mit psychosomatischer Therapie, physikalischen Anwendungen und einer intensiven Patientenschulung stehen im Vordergrund.
  • Medikamentös können Antidepressiva (z.B. Amitriptylin 10-50 mg/Tag) eine Besserung bringen. Zur Schlafinduktion kann z.B. 1-2 mg Flunitrazepam (Rohypnol) gegeben werden.
  • Schmerztherapie (s.a. Stufenschema I-III der WHO): Bei schweren Schüben kann zusätzlich 1-2mal/Tag 40 mg Prothipendyl (Dominal forte) in Kombination mit Stufe I Medikamenten versucht werden.
  • Bei gastrointestinalen Nebenwirkungen Gabe von Cyclooxygenase (COX-2)-Inhibitoren ( Coxibe) anstelle von Stufe I Therapeutika, z.B. Celecoxib (Celebrex) 200-400 mg/Tag p.o.

Verlauf/Prognose

Ungünstig bezüglich dauerhafter Besserung der Schmerzsymptomatik über einen längeren Zeitraum.

Naturheilkunde

Magnettherapie, Heilwässer, Akupunktur.

Hinweis(e)

Eine immer wieder zu beobachtende Beziehung besteht zwischen dem Nachtschlaf und der Fibromyalgie. Patienten mit Fibromyalgie schlafen meist schlecht oder aber sie wachen morgens auf und fühlen sich wie "gerädert". Darüber hinaus kann man umgekehrt eine Fibromyalgie bei Probanden durch Schlafentzug geradezu hervorrufen.

Literatur
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  1. Doherty M, Jones A. (1995) ABC of rheumatology. Fibromyalgia syndrome. Br Med J 310: 386-369
  2. Ehrlich GE (2003) Fibromyalgia, a virtual disease. Clin Rheumatol 22: 8-11
  3. Van Houdenhove B (2003) Fibromyalgia: a challenge for modern medicine. Clin Rheumatol 22: 1-5
  4. Fitzcharles MA, Boulos P (2003) Inaccuracy in the diagnosis of fibromyalgia syndrome: analysis of referrals Rheumatology (Oxford) 42: 263-267

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