Erythema infectiosum B08.30

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Backpfeifengesicht; fünfte Krankheit; Megalerythem; Megalerythema epidemicum; Megalerythema infectiosum; Ohrfeigenkrankheit; Ringelröteln; Slapped-Cheek-Disease; Stickersche Krankheit

Erstbeschreiber

Willan, 1798; Sticker, 1899; Cheinisse, 1905

Definition

Mäßig kontagiöse, milde verlaufende virale Exanthemkrankheit im Kindesalter, hervorgerufen durch eine Infektion mit dem Parvovirus B19.

Erreger

Parvovirus B19 (einzelsträngiges DNA-Virus), Übertragung durch Tröpfcheninfektion, Inkubationszeit 13-17 Tage. Parvovirus B19 ist das einzige Parvovirus, das den Menschen infiziert. Es wurde 1975 zufällig durch Yvonne Cossart gefunden und nach einer Untersuchungsreihe benannt (Nummer 19 in Reihe B). Das Virus vermehrt sich in Erythroblasten und bindet an das Blutgruppenantigen P.

Vorkommen/Epidemiologie

Durchseuchung im Vorschulalter bei 5-10%, im Erwachsenalter bei 60-70%.

Manifestation

V.a. bei Kindern unter 14 Jahren auftretend, meist zwischen dem 4. und 10. Lebensjahr. Saisonale Häufung von Juni bis November.

Lokalisation

Zunächst Wangen, Ausbreitung v.a. auf die Streckseiten der Arme, evtl. Beine und Gesäß. Kein Schleimhautbefall, Handteller und Fußsohlen sind meist frei.

Klinisches Bild

Die Inkubationszeit beträgt 4-14 Tage. Meist milde, katarrhalische Vorboten, intensive schmetterlingsförmige Rötung und Schwellung der Wangen (bei 75% der Erkrankten: Ohrfeigengesicht; slapped cheeck appearance), 1-4 Tage später typische gitter- oder girlandenförmige Erythemfiguren. Auch morbilliforme Exantheme können durch das Parvovirus B19 hervorgerufen werden. Dauer des Exanthems: 1-3 Wochen. Häufig Lymphknotenschwellungen, evtl. Begleitarthritiden (5-10% der Kinder. Betroffen sind hierbei insbes. die Finger-, Fuß- und Kniegelenke. Unter symptomatischer Behandlung klingen die Gelenksymptome innerhalb von 2-3 Wochen ab.

Histologie

Entzündungszeichen, perifollikuläre Infiltration, Schwellung der Bindegewebsfasern.

Diagnose

Akute Infektion: Nachweis der Virus DNA; VP2-spezifische IgM (14 Tage bis ca. 5 Monate nach Infektion positiv) und VP1/VP2-spezifische IgG (21 Tage nach Infektion, lebenslang nachweisbar).

Differentialdiagnose

  • Masern: (i.A. deutlich schwerer verlaufendes Krankheitsbild als das Erythema infectiosum; mit katarrhalischem Prodromalstadium verlaufend: Fieber bis 40 °C, Rhinitis, Konjunktivitis, Lichtscheu, Pharyngitis, Tracheitis. Enanthem; Exantherm: Rote, runde oder ovale, zunächst blass- dann dunkelrote, evtl. hämorrhagische Flecken zunächst hinter den Ohren, dann an Hals und Rumpf, zuletzt an den Extremitäten. Vergrößerung und Konfluenz der Flecken).
  • Röteln: Spielt differentialdiagnostisch kaum eine Rolle.
  • Scharlach: (Fieber, Kopf- und Halsschmerzen, Erbrechen. Pharyngotonsillitis. Druckdolente Halslymphknotenschwellung. Exanthem, evtl. um Tage verzögert, typisch beugeseitig - Leistenbeuge, Schenkeldreieck, Beugeseiten der Arme). Charakteristisch ist die periorale freie Zone).
  • Systemischer Lupus erythematodes: (Hautveränderungen sind in 80% der Fälle vorhanden. "Schmetterlingserythem": Weiterhin können sich morbilliforme, skarlatiniforme, multiforme, rosazea- oder livedoartige Exantheme, vor allem an oberen Rücken- und Brustpartien, entwickeln; Serologie und Immunhistologie sind diagnostisch).
  • Erysipel: (Hochfieberhaftes [Schüttelfrost: genaues Nachfragen!] u. hochakutes Krankheitsbild mit Lymphadenopathie; meist asymmetrisch lokalisiert; Leukozytose, Neutrophilie, CRP, ASL deutlich erhöht).
  • Erythema exsudativum multiforme: (im Falle der anulär ausgeprägten Ringelröteln wichtige DD; das Exanthem steht deutlich stärker im Vordergrund als beim Erythema infectiosum; ein EEM zeigt meist sukkulente Kokardenstrukturen mit evtl. blasigem Zentrum).
  • Erythema anulare rheumaticum (wichtigste Differentialdiagnose, da morphologisch sehr ähnlich; wichtige Unterscheidung: Fieberschübe; Chronizität; bereits initial massiver Gelenkbefall; Serologie mit positivem Rheumafaktor!).

Komplikation

Bei Immunsupprimierten verlaufen Infektionen mit Parvovirus B 19 u.U. komplikativ, meist chronisch persistierend mit Auftreten von rekurrierenden Exanthemen u. weiterhin mit chronischer Anämie, Retikulzytopenie, Erythroblastopenie (PRCA = pure red cell aplasia), Myokarditis, Perkarditis, Meningitis und Enzephalitis.

Therapie

Verlauf/Prognose

Günstig. Lebenslange Immunität.

Hinweis(e)

Cave! bei immunsupprimierten Pat. Gefahr der chron. Anämie, Arthritis, Thromzytopenie.

Bei Infektion in der Schwangerschaft Gefahr der  Infektion des Foetus. Im 1. Trimenon: Abort; im 2.Trimenon: Hydrops fetalis (5-10% der Fälle) auf Grund einer aplastischen Anämie mit konsekutivem Fruchttod. Pränataldiagnostik möglich. 

 

Literatur
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  1. Frank R et al. (1996) Dermatologic symptoms of parvovirus B19 infections. Hautarzt 47: 365-368
  2. Cheinisse L (1905) Une cinquieme maladie eruptive: Le megal-erytheme epidemique. Semaine Med 25
  3. Cossart YE, Field AM, Cant B, Widdows D (1975) Parvovirus-like particles in human sera. Lancet 1: 72–73
  4. Frydenberg A, Starr M (2003) Slapped cheek disease. How it affects children and pregnant women. Aust Fam Physician 32: 589-592
  5. Katta R (2002) Parvovirus B19: a review. Dermatol Clin 20: 333-342
  6. Scott LA et al. (2003) Viral exanthems. Dermatol Online J 9: 4
  7. Sticker G (1899) Die neue Kinderseuche in der Umgebung von Giese (Erythema infectiosum). Z Prakt Ärzte 8
  8. Willan R (1798) On Cutaneous Diseases. vol 1 (London) J. Johnson, St. Paul's Church-Yard

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