Epidermolysis bullosa (Übersicht) Q81.-

Synonym(e)

Epidermolysis bullosa, EB, EB hereditary; inherited epidermolysis bullosa; Epidermolysis bullosa Gruppe; bullöse Epidermolysen; Epidermolysis bullosa Erkrankungen;

Definition

Gruppe seltener erblicher Hauterkrankungen (Genodermatosen), die durch mutationsbedingte Störung der strukturellen und funktionellen Integrität der intraepidermalen Adhäsion bzw. der dermoepidermalen Verankerung durch Hautfragilität und Blasenbildung an Haut und  Schleimhaut gekennzeichnet sind, die nach geringfügigen mechanischen oder thermischen Traumata auftreten.

Extrakutane Manifestationen und ihre Komplikationen in weiteren Epithel-tragenden Organen machen die Epidermolysis bullosa zu einer Multisystemerkrnakung mit teilweise dramatischer Morbidität.  

Die Klassifizierung erfolgt aufgrund genetischer, klinischer, elektronenmikroskopischer, immunhistologischer (immunomapping) sowie molekularbiologischer Kriterien. Nach der Position der Blasenbildung in Bezug auf die dermoepidermale Basalmembran werden die Epidermolysen in 3 Gruppen eingeteilt:

  • Epidermolytische Blasenbildung: Suprabasale Spaltbildung infolge Zytolyse der Basalzellen (Epidermolysis bulloss simplex-Gruppe).
  • Junktiolytische Blasenbildung: Kontinuitätsverlust im Bereich der Lamina lucida der Basalmembran (Epidermolysis bullosa junctionalis-Gruppe).
  • Dermolytische Blasenbildung: Spaltbildung unterhalb der Basalmembran (Epidermolysis bullosa dystrophica-Gruppe).

Während die beiden ersten Formen nicht zur Narbenbildung führen, heilen die Blasen bei letzterer Form stets narbig ab.

Einteilung

               Epidermolysis bullosa-Gruppe (EB)  -  Klinische Entitäten

Epidermolysis bullosa simplex -Gruppe

 

Epidermolysis bullosa junctionalis-Gruppe (EBJ)

 

Epidermolysis bullosa dystrophica-Gruppe (EBD)

 

Vorkommen/Epidemiologie

Inzidenz: 0,8/100.000 Lebendgeborenen/Jahr. Sie zählt zu den seltenen oder Orphan Diseases.

Ätiopathogenese

Ursächlich wurden bisher Mutationen in 18 Genen beschrieben, die für Komponenten der Keratinfilamente des Zytoskeletts, Adhärenzkontakte, Desmosomen und Hemidesmosomen kodieren. Diese "Indexgene" werden auch in anderen Organen (Gastrointestinaltrakt, Respirations- und Urogentialtrakt) exprimiert, die ebenfalls klinisch involviert werden. Leitsymptom an allen Epithelien ist die moderate bis extreme Verletzlichkeit mit Ausbildung von Blasen und Folgeerscheinungen wie Erosionen, Krusten, Narben und deren Folgen. Die primären, strukturell-funktionellen Defekte beeinflussen zudem sekundäre epigenetische Phänomene (Induktion von Entzündungskaskaden, Beeinflussung des Mikromilieus) und damit den individuellen hochvariablen Phänotyp.    

 

Epidermolysis bullosa simplex-Gruppe (EBS); häufigster EB-Typ (75% der Fälle). Die gemeinsamen Merkmale der EBS-Subtypen sind:

  • Genetik: Meist autosomal dominanter Erbgang. Missense-Mutationen in den für Keratin 5 bzw. 14 (KRT5; KRT14) bzw. den für Desmoplakin und Plaokoplakin kodierenden Genen. Die Bedeutung der unlängst entdeckte Mutation im KLH24-Gen bleibt abzuwarten (HeY 2016). 
  • Histologie: Intraepidermale Blasenbildung durch Zytolyse basaler/suprabasaler  Keratinozyten (epidermolytische Blasenbildung).
  • Antigen-Mapping: Intraepidermale Spaltbildung mit Hemidesmosomenmarker am Blasenboden.
  • Elektronenmikroskopie: Intrazelluläre Zytolyse oberhalb der Hemidesmosomen in den basalen Keratinozyten.
  • Klinik: Abheilung der Blasenbildung ohne Narben. Der in dieser Gruppe auftretende Juckreiz scheint durch das freiwerdende Zytokin "Thymic Stromal Lymphopoietin" ausgelöst zu sein, der auch beim atopischen Ekzem eine pathogenetische Bedetung hat..  
  • Epidermolysis bullosa junctionalis-Gruppe (EBJ); die gemeinsamen Merkmale der EBJ-Subtypen sind:
  • Genetik: Autosomal rezessiver Erbgang; heterogener genetischer Hintergrund; mindestens 6 Indexgene (Gene die für Laminin,Integrin und Typ-VII-Kollagen kodieren) . 
  • Histologie: Blasen in der Lamina lucida der Basalmembran.
  • Antigen-Mapping: Junktionale, suprabasale Blasenbildung mit Hemidesmosomenmarker am Blasendach und Lamina-densa-Markern am Blasenboden.
  • Klinik: Sehr heterogen, spät auftretende, lokalisierte Formen und frühe letale Formen (Typ Herlitz). Heilung ohne Narbenbildung (suprabasale Blase); jedoch entsteht bei längerem Verlauf Hautatrophie.
  • Elektronenmikroskopie: Junktionale Blase, rudimentäre oder fehlende Hemidesmosomen am Blasendach und Blasenboden.

Epidermolysis bullosa dystrophica-Gruppe (EBD); die gemeinsamen Merkmale der EBD-Subtypen sind:

  • Genetik: Autosomal dominanter oder rezessiver Erbgang; Mutationen im Kollagen-VII-Gen (COL7A1).
  • Histologie: Dermolytische Blasenbildung.
  • Antigen-Mapping: Die Lamina densa Marker finden sich am Blasendach. Die Färbung mit Kollagen VII ist reduziert oder negativ.
  • Klinik: Vernarbungen, Milien, Nagelverlust.
  • Elektronenmikroskopie: Blasenbildung unterhalb der Lamina densa.

Als vierte Gruppe der EB kann das autosomal-rezessive, poikilodermatische Kindler-Syndrom bezeichnet werden

  • Die Spaltbildung des Kindler-Syndroms wird als gemischt bezeichnet. Das defekte Protein Kindlin-1 spielt für die Adhäsion von Zellen eine bedeutende Rolle. Akrale Blasenbildung, generalisierte Poikilodermie sowie Photosensitivität sind die dominanten klinischen Symptome.

Differentialdiagnose

Therapie allgemein

  • Die Behandlung ist insgesamt unbefriedigend und überwiegend symptomatisch. Genetische Beratung erkrankter Familien, ggf. Möglichkeiten zur pränatalen Diagnostik nutzen.
  • Bei dystrophischen Formen sind physiotherapeutische Maßnahmen zur Vorsorge von Kontrakturen wichtig und ggf. operative Eingriffe notwendig, insbes. um die Funktion der Hände zu verbessern.
  • Insgesamt gilt: Die Aggressivität der Behandlung sollte der Ausprägung des Krankheitsbildes entsprechen. Bei den nichtdystrophen Epidermolysen steht die Verhinderung von Sekundärinfektionen im Vordergrund, bei dystrophen Veränderungen die Erhaltung einer möglichst hohen Lebensqualität, also Vermeidung von Folgeschäden (z.B. Vernarbungen, Narbenkontrakturen im Bereich der Augen, Schleimhäute und Ösophagus, Anämie und Vitamin-Mangel aufgrund eingeschränkter Ernährung, Hautkarzinome, Sekundärinfektionen). Die Patienten können u.a. wegen schmerzhafter Beteiligung der Schleimhaut Schwierigkeiten mit der Nahrungsaufnahme haben. Deshalb auf Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen achten, ggf. passierte Kost, ggf. Ernährungsplan.
  • Weiterhin zu beachten: Weiche, nicht reibende Kleidung tragen, Vermeiden rauer Nähte, ggf. Tragen der Kleidungsstücke auf links oder Umnähen der Nähte. Entsprechend gepolsterte Unterlagen, ggf. Gelunterlage oder Luftkissenbett. Reinigende, ggf. desinfizierende Bäder bei Erosionen, sterile Verbände. Bei ausgedehnten Erosionen Verband mit Hydrogel (z.B. Intrasite) oder Hydrokolloidfolien (z.B. Varihesive E). Bei Kindern gepolsterte Möbel und Fußböden.

Externe Therapie

Im Vordergrund steht die Vermeidung von mechanischen Reizen und Irritationen sowie die Überwachung und Behandlung von Sekundärinfektionen. Abtrocknende und antiseptisch wirkende Lösungen wie Chinolinol-Lösung (z.B. Chinosol 1:1000), R042 oder Kaliumpermanganat-Lösung (hellrosa), ggf. Polihexanid (Serasept, Prontoderm). Ggf. Wundbehandlung, s. dort. Ausreichend Flüssigkeitsersatz. Steriles Aufstechen und Entleeren der Blasen verhindert deren Ausdehnung und wirkt druckentlastend. Das Blasendach sollte als Infektionsschutz belassen werden. Externe Glukokortikoide wie 0,1% Triamcinolon-Creme (z.B. Triamgalen) nur bei Ekzematisierung und Juckreiz. Allgemeine Pflege der Haut (z.B. mit Ungt. emulsif. aq. oder 2% Harnstoff-Creme).

Interne Therapie

S.u. der jeweiligen Form. Bei Sekundärinfektionen Breitbandantibiose, sobald möglich nach Antibiogramm.

Tabellen

Einteilung der hereditären bullösen Epidermolysen (EB) modifiziert n. Schumann

Spaltbildung

Krankheitsbild

Betroffenes Gen (Protein)

epidermolytisch (EBS-Gruppe)

 

 

 

Epidermolysis bullosa simplex, generalisiert (Köbner) 

KRT 5 (Keratin 5); KRT 14 (Keratin 14)

Epidermolysis bullosa simplex, lokalisiert  (Weber-Cockayne) 

KRT 5 (Keratin 5); KRT 14 (Keratin 14

Epidermolysis bullosa simplex, autosomal-rezessiv

KRT 5 (Keratin 5); KRT 14 (Keratin 14)

Epidermolysis bullosa simplex, Dowling-Meara (EBS-DM)

KRT 5 (Keratin 5); KRT 14 (Keratin 14)

Epidermolysis bullosa simplex mit Muskeldystrophie (EBS-MD)

ITGA6, ITGB4,PLECT1(alpha6beta4Integrin)

Epidermolysis bullosa simplex Ogna (Gedde-Dahl)

PLEC1 (Plectin 1)

Epidermolysis bullosa simplex mit fleckenförmiger Hyperpigmentierung

KTR 5 (Keratin 5)

 

junktiolytisch (EBJ-Gruppe)

Epidermolysis bullosa junctionalis, Herlitz (JEB-H)

LAMA3,LAMB3,LAMC2 (Laminin332)

Epidermolysis bullosa junctionalis non-Herlitz (JEB-nH) (generalisierte und lokalisierte Formen)

 

Epidermolysis bullosa junctionalis JEB-nH generalisiert

LAMA3,LAMB3,LAMC2 (Laminin 332) COL17A1 (KollagenXVII)

COL17A1 (KollagenXVII)

Epidermolysis bullosa junctionalis JEB-nH lokalisiert

Epidermolysis bullosa junctionalis mit Pylorusatresie (JEB-PA)

ITGA6,ITGB4 (alpha6beta4Integrin)

 

dermolytisch (EBD-Gruppe) 

Epidermolysis bullosa dystrophica, generalisiert (DDEB generalisiert), zuvor: DDEB dominans

COL7A1 (KollagenVII)

Epidermolysis bullosa dystrophica (RDEB schwer generalisiert), zuvor: Typ Hallopeau-Siemens 

COL7A1 (KollagenVII)

(Rezessiv dystrophe) Epidermolysis bullosa dystrophica, generalisierte (RDEB, generalisierte), zuvor: RDEB non-Hallopeau-Siemens

COL7A1 (KollagenVII)

 

Hinweis(e)

 Merke! Seit 2003 besteht an der Universitäts-Hautklinik Freiburg ein vom BMBF und von der DEBRA International-Stiftung unterstütztes Epidermolysis bullosa-Zentrum. Dieses umfasst sowohl die klinische Betreuung von Patienten mit Epidermolysis bullosa als auch morphologische und molekulare Diagnostik sowie die Bearbeitung wissenschaftlicher Fragestellungen der hereditären Hautkrankheiten. Patienten können unter der nachstehenden Anschrift gemeldet werden.

Das Zentrum fungiert auch als Koordinationsstelle des nationalen Kompetenznetzwerkes Epidermolysis bullosa.

Literatur

  1. Bauer JW et al. (1999) Prenatal diagnosis of recessive hereditary dystrophic epidermolysis bullosa with haplotype analysis of the type VII collagen gene. Hautarzt 50: 121-126
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  3. Bruckner-Tuderman L (1995) Epidermolysis bullosa hereditaria. Hautarzt 46: 61-72
  4. Jonkman MF et al. (1999) Hereditary skin diseases of hemidesmosomes. J Dermatol Sci 20: 103-121
  5. He Y et al.(2016) Monoallelic Mutations in the Translation Initiation Codon of KLHL24 Cause Skin
    Fragility. Am J Hum Genet 99:1395-1404.
  6. Laimer M et al.(2015) Hereditäre Epidermolysen JDDG 13: 1125-1134 
  7. Schumann H (2009) Epidermolysis bullosa. Hautarzt 60: 614-618
  8. Shimizu H, Suzumori K (1999) Prenatal diagnosis as a test for genodermatoses: its past, present and future. J Dermatol Sci 19: 1-8
  9. Woodley DT et al. (2003) Normal and gene-corrected dystrophic epidermolysis bullosa fibroblasts alone can produce type VII collagen at the basement membrane zone. J Invest Dermatol 121: 1021-1028

Disclaimer

Bitte fragen Sie Ihren betreuenden Arzt, um eine endgültige und belastbare Diagnose zu erhalten. Diese Webseite kann Ihnen nur einen Anhaltspunkt liefern.

Zuletzt aktualisiert am: 09.08.2017