Aphthen habituelle K12.0

Zuletzt aktualisiert am: 05.10.2019

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

Co-Autor: Dr. med. Wolfgang Tomandl

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Synonym(e)

Aphthen chronisch rezidivierende; Aphthosis rezidivierende benigne; Chronisch rezidivierende Aphthen; Habituelle Aphthe; Habituelle Aphthen; Mikulicz-Typ der habituellen Aphthen; Periadenitis mucosae necrotica recurrens; Recurrent aphthous stomatitis; Recurrent benign aphthosis; Rezidivierende Aphthen; Rezidivierende benigne Aphthosis; Sutton-Typ der habituellen Aphthen

Erstbeschreiber

Arnemnn 1787; Heberden 1802; von Mikulicz-Radecki u. Kümmel 1898; Sutton 1911;

Definition

Ungemein häufige, meist harmlose Erkrankung mit Auftreten oberflächlicher, schmerzhafter Ulzera an der Schleimhaut.

Vorkommen/Epidemiologie

Bei 10-50% der Bevölkerung, meist Minortyp.

Ätiopathogenese

Ungeklärt, vermutlich multifaktorielle Auslösung bei entsprechender Disposition. Als Auslöser kommen Traumata, Magen-Darm-Störungen, hormonelle Beeinflussung (paramenstruelles Auftreten), Infektionen, Stress und Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Nüsse, seltener Tomaten) infrage. Man denkt an eine immunologische bzw. autoimmunologische Fehlfunktion mit nachfolgender Zerstörung der Epithelzellen. Familiäre Häufung.

Manifestation

Beginn meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, aber auch schon im Kindesalter (mittleres Erkrankungsalter bei Kindern 9,6 Jahre); die Prävalenz nimmt mit steigendem Lebensalter ab. Es besteht eine Gynäkotropie.

Lokalisation

Mundschleimhaut (bevorzugt Umschlagfalte im Vestibulum oris) und Seitenränder der Zunge, v.a. vorderes Drittel der Mundhöhle.

Klinisches Bild

Typisch ist das über Jahre (mittlere Erkrankungsdauer liegt bei 3,6 Jahren)  rezidivierende Auftreten (Häufigkeit der Rezidive zwischen Wochen und Monaten schwankend) einzelner oder mehrerer stecknadelkopf-, seltener linsengroßer oder auch 3,0-5,0 cm großer, meist sehr schmerzhafter Erosionen oder Ulzerationen mit hochrotem Randsaum im Bereich der Schleimhaut. Seltener kann initial ein kleines serh schnell erodiertes, schmerzhaftes Bläschen beobachtet werden. Die Schmerzhaftigkeit erschwert Essen und Trinken (v.a. Säure-haltige Fruchtsäfte). Begleitsymptome sind vermehrter Speichelfluss sowie Foeter ex ore.   

Unterschieden werden 3 Typen:

  • Minortyp (80%): Wenige Erosionen oder flache Ulzera; Größe: < 0,3-05 cm; Allgemeinsymptomatik.
  • Majortyp (Typ Sutton; 10%): Wenige, tiefe, bis 3 cm im Durchmesser große Ulzera, häufig regionäre Lymphadenitis, mäßiges bis hohes Fieber; allgemeines Krankheitsgefühl.
  • Herpetiforme Aphthen (10%): Sehr zahlreich; Größe: < 0,3 cm; disseminiert, Erosionen oder flache Ulzera; gesamte Mundschleimhaut, ähnlich einer Gingivostomatitis herpetica. Jahre- bis jahrzehntelanger periodischer Verlauf. Kurze erscheinungsfreie Intervalle.

Histologie

Nicht aussagefähig. Biopsie nicht zu empfehlen.

Therapie allgemein

Der größte Teil der Aphthen ist nicht behandlungsbedürftig. Patienten über die Harmlosigkeit der Läsionen aufklären. Nur bei stärkeren subjektiven Beschwerden ist eine symptomatische Therapie angezeigt. Abklärung und Beseitigung ggf. ursächlicher intestinaler Störungen.

Merke! Bei großen, ständig rezidivierenden Aphthen, an M. Behçet oder M. Crohn denken!

Nahrungsmittel bzw. Substanzen, die die Symptomatik verstärken, sollten gemieden werden, insbes. Speisen, die Brennen auslösen, wie Gewürze, Säuren, Obstsäfte, Alkohol. Auch mit Speisen, die die Schleimhaut mechanisch irritieren, wie harter Zwieback, Brötchen u.a. sollte vorsichtig umgegangen werden. Sparsamer Umgang bzw. Meiden von Mundwässern und Zahnpasten.

Externe Therapie

Desinfektion: Mundspülungen initial mit desinfizierenden Lösungen wie Chlorhexidin R045 , Hexetidin (z.B. Hexoral Lösung), Ethacridinlactat (z.B. 0,25% Ethacridinlactat-Monohydrat-Lösung mit Lidocain 0,5%, Dequaliniumchlorid (z.B. Maltyl Lösung).

Schmerzlinderung: Bei starker Schmerzhaftigkeit können Mundspülungen mit Benzocain-haltigen wässrigen Lösungen (z.B. Dolo-Dobendan Lösung) angewendet werden. Gute Erfolge zeigen Kombinationspräparate aus 0,1% Benzalkoniumchlorid/2% Lidocain (z.B. Dynexan A Gel), das mehrfach auf die schmerzhaften Läsionen aufgetragen wird oder Ethacridinlactat/Lidocain-Lösungen (z.B. 0,25% Ethacridinlactat-Monohydrat-Lösungmit Lidocain 0,5%) .

Ergänzend bei ausgedehnten Aphthen sind Glukokortikoid-Haftpasten oder Gele indiziert, die nach Trockentupfen mit einem Wattestäbchen auf die Läsion appliziert werden.

Alternativ können "Mäuse" (Mulltupfer) mit mittel- bis starkpotenten topischen Glukokortikoiden (z.B. Clobegalen Creme) für ca. 30 Minuten auf die Aphthe aufgelegt werden. Wegen der längeren Verweildauer an der Läsion am besten geeignet sind Betamethasonvalerat-Haftpaste 0,1% R031 oder Prednisolon-Paste (z.B. Dontisolon D Mundheilpaste).

Alternativ anwendbar sind Mundgele, deren Vehikelsysteme im Sinne von Haftsalben fungieren, z.B. 0,1% Triamcinolonacetonid-Gel (z.B. Volon A Haftsalbe). Spülungen mit Glukokortikoiden (z.B. 1 Tbl. Prednison 50 mg in 20 ml Aqua purificata auflösen; mit der Lösung den Mund 5 Min. spülen, nicht schlucken!) sind verbreitet aber wenig wirksam (Verdünnungseffekt durch Speichel, geringe Verweildauer an der Läsion). Im weiteren Verlauf können heilungsfördernde Mundspülungen, wie z.B. Dexpanthenol-Lösung unterstützend appliziert werden. S.u. Stomatologika.

Alternativ: lokale Tetrazyklintherapie (z.B. 4mal/Tag 3-5 minütige Mundspülungen mit einer Lösung von 300 mg Doxycyclin in 30 ml Aqua dest.). Bei tiefen stark schmerzhaften Aphthen kann ein Glukokortikoid zugemischt werden (z.B. 20 mg Prednisolon).

Alternativ: effektive Schmerzbehandlung und bei frühzeitiger Anwendung Abkürzung des Erkrankungsverlaufs durch lokale Applikation von Hydroxybenzolsulfonsäure und Hydroxymethoxybenzolsulfonsäure (HYBENX, Oralmedic). Kurz schmerzhaft bei der Anwendung.

Interne Therapie

  • Bei menstruationsabhängiger Aphthosis kann eine Östrogen-betonte Kontrazeption sinnvoll sein.
  • Intervall-artige Therapie mit Glukokortikoiden (20-50 mg/Tag Prednisolon p.o. in der Akutphase)
  • Eine Dauertherapie mit DADPS (50 mg/Tag p.o.) zeigt in Einzelfällen eine Verbesserung der Symptomatik.
  • Der Einsatz von Colchicin ist beim Majortyp im Ausnahmefall zu erwägen (1-2mal/Tag 0,6 mg p.o.).
  • Thalidomid (nicht zugelassen-experimenteller Ansatz) zeigt (wie beim M. Behçet) bei einem Teil der Patienten eine gute Wirksamkeit (100-300 mg/Tag p.o.).

Naturheilkunde

  • Gerbstoffdrogen:  Gerbstoffdrogen wirken anitinflammatorisch, schwach antimikrobiell und wundheilungsfördernd. Die Läsionen können mehrfach täglich mit einer unverdünnten Salbei- oder Tormentilltinktur eingepinselt werden. Alternativ ist eine Tinktur aus Rhataniawurzeln geeignet.   
  • Ätherisch-Öl-Drogen: die ätherisch-Öl-Drogen wie  Gewürznelkenöl, Kamillenblüten (Kamillosan Lösung), Myrrhe (10% Myrrhetinktur), Salbeiblätter (wässrige Lösung mit 1-5% Salbeiblätteröl)  und Thymiankraut (10% Thymiantinktur) wirken antibakterielle, virustatisch, antimykotisch und z.t. auch lokal antiphlogistisch. Sie sind bei habituellen Aphthen als "Alternativtherapie" gut geeignet.
  • Alternativ sind auch Kombinationen geeignet: (s.u. Tormentill-Myrrhe-Adstringens (NRF 7.1.)     

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Belenguer-Guallar I et al. (2014)Treatment of recurrent aphthous stomatitis. A literature review. J Clin Exp Dent 6e:168-174
  2. Gürkan A et al. (2015) Recurrent Aphthous Stomatitis in Childhood and Adolescence: A Single-Center Experience. Pediatr Dermatol 32:476-480
  3. Heberden W (1802) Commentaries on the History and Cure of Diseases. T. Payne (ed.), London
  4. Sutton RL (1911) Pariadenitis mucosa necrotica recurrens. J Cutan Dis 29: 65-71
  5. von Mikulicz-Radecki J, Kümmel WF (1898) Die Krankheiten des Mundes. In: Die Krankheiten des Mundes. Gustav Fischer, Jena

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