Alopecia androgenetica bei der Frau L64.-

Zuletzt aktualisiert am: 01.05.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Alopecia oleosa; Alopecia seborrhoica; Alopezie androgenetische; Androgenetische Alopezie bei der Frau; Androgenetisches Effluvium; Calvities hippocratica; Effluvium androgenetisches; Female pattern alopecia; Glatzenbildung weibliche; Weibliche Glatzenbildung

Definition

Durch Androgene realisiertes Hervortreten des genetisch determinierten charakteristischen Ausprägungsmusters des Haarkleides bei der Frau. Häufig begleitende Seborrhoe (Alopecia oleosa, Alopecia seborrhoica). Im Gegensatz zu der Alopecia androgenetica beim Mann ist die Alopecia androgenetica bei der Frau als pathologisch zu werten.

Vorkommen/Epidemiologie

  • Prävalenz bei europäischen Frauen (alle Altersgruppen): Ca. 20%.
  • Inzidenz bei europäischen Frauen nach dem 65. LJ: Bis zu 75%.

Ätiopathogenese

Ursachen sind u.a. vermehrte Androgenproduktion (s.u. Adrenogenitales Syndrom, kongenitales; PCOS), Einnahme von Androgenen oder Anabolika sowie erhöhte Empfindlichkeit der Testosteronrezeptoren am Haarfollikel. Weiterhin werden Hyperprolaktinämie, Verschiebung des Testosteron-Östrogen-Quotienten zugunsten des Testosterons (s.a.u. Alopecia androgenetica beim Mann) diskutiert.

Klinisches Bild

Unterschieden werden ein weibliches und ein männliches Alopeziemuster:

  • Weibliches (androgenetisches) Alopeziemuster: Diffuse Haarlichtung, beginnend zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, v.a. in der Scheitelregion in unterschiedlicher Ausprägung mit persistierendem frontalem Haaransatz. Keine wesentliche Schuppenbildungen; kein oder nur unwesentlicher Juckreiz. Entsprechend der androgenetischen Alopezie des Mannes unterscheidet man hier 4 Stadien:
    • Stadium 0: Normaler Haarwuchs.
    • Stadium I: Beginnende Haarlichtung in der Scheitelregion; nur erkennbar beim Scheiteln der Haare; frontaler Haarsaum von 1-3 cm Breite bereits erkennbar. Haarzupftest positiv.
    • Stadium II: Markante, sichtbare Haarlichtung im Scheitelbereich. Frontaler Haarsaum von 1-3 cm Breite deutlich abgezeichnet.
    • Stadium III (selten): Ausgeprägte Glatzenbildung im frontoparietalen Bereich, der frontale Haarsaum bleibt bestehen.
  • Männliches Alopeziemuster (bei Frauen eher selten): Glatzenbildung entsprechend der Alopecia androgenetica beim Mann mit Zurücktreten der Stirn-Haar-Grenze; insbes. bei Frauen in oder unmittelbar nach der Menopause. Bei zusätzlichen Virilisierungszeichen ist eine subtile Hormonanalyse durchzuführen. Stadieneinteilung s.u. Alopecia androgenetica beim Mann.

Histologie

Regressive Transformation terminaler Haarfollikel zu Miniaturfollikeln.

Diagnose

  • Klinik mit typischem Alopeziemuster, Anamnese (gesteigertes Effluvium). Aktivitätsbestimmung des Effluviums mit klinischem Epilationstest.
  •  Trichogramm: Nachweis des telogene Effluviums.
  • Endokrinologische Abklärung:
    • Ausschluss Hyperandrogenämie (mit Hirsutismus, Seborrhoe, Akne). Hormonanalyse: Am 2.-5. Zyklustag: Testosteron, DHEAS, Östrogen, Prolaktin, LH, FSH).
    • Ausschluss einer Hyperprolaktinämie (s.u. Prolaktin) die auch medikamentös induziert sein kann (u.a. Neuroleptika, Psychopharmaka).
  • Haarkalender: Wöchentlich exaktes Zählen der bei der Haarwäsche ausgefallenen Haare; bis 100 sind akzeptabel.
  • Zusätzlich: Ggf. Histologie, Blutbild, Blutzucker, Antinukleäre Antikörper; Schilddrüsenantikörper, Zink und Eisen im Serum, Ferritin.

Differentialdiagnose

  • Medikamentöse Alopezie ( Alopecia medicamentosa): (diffuses, akut einsetzendes anagenes Effluvium; der Zusammenhang mit der verusachenden Therapie ist meist nachweisbar).
  • Pityriasis amiantacea: (Fettige den Haarboden bedeckende Schuppenbildung; Haare lassen sich büschelweise ausziehen).
  • Psoriasis capitis: (hierbei ist weniger die plaqueförmige Psoriasis capitis sondern die diffuse sog. seborrhoide Psoriasis capitis verantwortlich. Meist deutlicher Juckreiz, feine silbrige Schuppenbildung des Haarbodens).
  • Alopezie, postmenopausale, frontale, fibrosierende (Kossard): (frontale lineare Alopezie; an den Grenzhaaren perifollikuläres Erythem; meist Nachweis einer Keratosis follicularis).
  • Alopecia specifica diffusa: (diffuse, kleinfleckige Alopezie; kein Juckreiz; Alopezie wird meist zufällig nachgewiesen; serologische Abklärung ist erforderlich).
  • Effluvium bei Systemerkrankungen (Infektionskrankheiten, Kollagenosen, Lymphome, Tumoren unterschiedlicher Genese): der Zusammenhang mit der jeweiligen Grunderkrankung ist nachweisbar.
  • Anagenes (dystrophisches) Effluvium (Anageneffluvium): bei Perioden körperlicher Belastung, Fieberperioden.
  • Alopecia areata diffusa: (diffuses anagenes Effluvium; keine lokale Bevorzugung; Haarzupftest ist positiv).
Effluvium, chronisch telogenes: Über Jahre bestehender, sich phasenhaft verschlechternder, permanenter, diffuser Haarausfall mit Verlust von 100-200 Haaren/Tag. Kein Nachweis endogener oder exogener Ursachen (Ausschlussdiagnose). Führt nicht zur sichtbaren Glatzenbildung. Telogenabschaltung, vorzeitige (immediate telogengen release, sog. "Shedding" z.B. bei Minoxidil-Therapie). Deutlicher und plötzlicher Haarausfall im Zusammenhang mit der Therapie.
  • Akutes Telogeneffluvium: (fieberhafte Erkrankungen, Verletzungen, schwere operative Eingriffe, Crash-Diäten, emotionale Belastungen)
  • Chronisches Telogeneffluvium bei endogenen Störungen: (Eisenmangel, Zinkmangel, nutritive Strörungen, Schilddrüsenerkrankungen; Hyperprolaktinämie).

Therapie allgemein

Externe Therapie

Interne Therapie

Naturheilkunde

  • Durchblutungsfördernde Maßnahmen wie z.B. Kopfhautmassage oder Einsatz des Pflaumenblütenhämmerchens haben in Einzelfällen das Effluvium reduziert.
  • In kleineren Studien wirksam: Cimicifuga racemosa (CiMi Haartonikum) lokal für 6-12 Monate.
  • Sabalis serrulatae fructus  Extrakte der Sägepalmenfrüchte (Serenoa repens) sind alternative Therapieverfahren die bei der postmenopausalen androgenetischen Alopezie eingesetzt werden können. 
  • Derzeit sind weitere Studien bei der androgenetischen Alopezie (des Mannes) mit Extrakten von Grünem Tee (Epigallocatechin-3-gallat), Extrakten aus Früchten der Sägepalme (Serenoa repens) sowie von Citrullus colocynthis und Cuscuta reflexa zu erwarten  (Rondanelli M et al. 2016).

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

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  2. Birch MP et al. (2001) Hair density, hair diameter and the prevalence of female pattern hair loss. Br J Dermatol 144: 297-304
  3. Borrelli F et al. (2003) Pharmacological effects of Cimicifuga racemosa. Life Sci 73: 1215-1229
  4. Borrelli F et al. (2002) Cimicifuga racemosa: a systematic review of its clinical efficacy. Eur J Clin Pharmacol 58: 235-241
  5. Fischer TW (2004) Melatonin increases anagen hair rate in women with androgenetic alopecia or diffuse alopecia: results of a pilot randomized controlled trial. Br J Dermatol 150: 341-345
  6. Olsen EA (2001) Female pattern hair loss. J Am Acad Dermatol 45: S70-80Rondanelli M et al. (2016)  A bibliometric study of scientific literature in Scopus on botanicals for treatment of androgenetic alopecia. J Cosmet Dermatol 15:120-130. 
  7. Thai KE, Sinclaur RD (2002) Finasteride for female androgenetic alopecia. Br J Dermatol 147: 812-813
  8. Vierhapper H et al. (2003) Production rates of testosterone and of dihydrotestosterone in female pattern hair loss. Metabolism 52: 927-929

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