Acitretin

Zuletzt aktualisiert am: 15.05.2014

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Definition

Derivat der Vitamin A-Säure, s.a. Retinoide.

Wirkungen

Hemmung der Hyperproliferation von Keratinozyten in der psoriatischen Epidermis. Antikeratinisierend. Der exakte Wirkmechanismus ist bis heute nicht aufgeklärt. Nach Aufnahme in die Zielzelle aktiviert Acitretin alle 3 Subtypen der nukleären Vitamin-A-Säurerezeptoren (RAR alpha, beta, gamma). Acitretin vermindert möglicherweise über eine Hemmung von Interferon gamma die enzymatische Umwandlung von Retinol in Vitamin-A-Säure. Die Reduktion des zellulären Vitamin-A-Säure-Spiegels führt zu einer Hemmung der zellulären Proliferation. Darüber hinaus hemmen synthetische Retinoide dosisabhängig in unterschiedlichem Ausmaß die Ribonuklease P (RNase P).

Eingeschränkte Indikation

Sicca-Syndrom.

Merke! Kontrolle der Werte: Transaminasen, alkalische Phospatase, Gamma-GT, Kreatinin, Triglyzeride, Cholesterin, Glukose. Bei Patienten mit auffälliger Nieren-, Leber- oder Fettstoffwechselanamnese zusätzlich: Harnstoff, Harnsäure, Urinstatus, Bilirubin, Lipidelektrophorese (alle 4 Wochen).

Schwangerschaft/Stillzeit

Kontraindiziert.

Dosierung und Art der Anwendung

Die wirksame Dosis liegt oberhalb von 10 mg/Tag. Das Wirkungsoptimum liegt in Abhängigkeit vom Körpergewicht bei etwa 50 mg/Tag.
  • Erwachsene initial 3 Kps./Tag Neotigason 10, über 2-4 Wo., dann je nach Wirkung Steigerung auf maximal 3 Kps./Tag Neotigason 25. Erhaltungsdosis in der Regel 30 mg/Tag für weitere 6-8 Wo.
  • Kinder: Sehr strenge Indikation, sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung. Initial 0,5 mg/kg KG/Tag. Erhaltungsdosis 0,1 mg/kg KG/Tag, keinesfalls > 0,2 mg/kg KG/Tag bzw. > 35 mg/Tag.
Wirkungseintritt nach frühestens 4-6 Wochen. Dauer bis zum kompletten Abheilen 2-3 Monate. Therapieversager sind etwa bei 20% der behandelten Fälle zu erwarten.

Merke! Vor Therapiebeginn ist eine Schwangerschaft auszuschließen. Unter der Therapie sowie bis zu 2 Jahre nach Absetzen des Präparates muss eine wirkungsvolle Kontrazeption betrieben werden, wobei die Wirkung oraler Kontrazeptiva beeinträchtigt sein kann. Niedrig dosierte Progesteron-Präparate (sog. Minipille) sollten nicht zur Empfängnisverhütung eingesetzt werden, da die empfängnisverhütende Wirkung dieser Präparate durch Wechselwirkung mit Acitretin verringert werden kann. Regelmäßige Kontrolle des Skeletts bei Langzeittherapie. Bei Kindern Wachstum (Knochenentwicklung) sorgfältig überwachen!

Unerwünschte Wirkungen

  • Haut- und Schleimhaut: Dosisabhängig: Trockene, ggf. entzündliche Lippen, trockene Nase, trockene Augen insbes. bei Tragen von Kontaktlinsen, Xerosis cutis, klassische Retinoiddermatitis, Granulationsgewebe im Nagelwall, Hyperhidrose.
  • Systemisch: Substanz ist teratogen: Keine Verordnung bei gebärfähigen Frauen; wenn keine Therapieoptionen bestehen Verordnung nur unter gleichzeitiger Gabe von Antikontrazeptiva bis 2 Jahre nach Einnahme der letzten Tablette. Reversible Erhöhung der Transaminasen, ggf. hepatotoxisch (< 1%), zentrilobuläre toxische Lebernekrose, Hyperostosen, Osteoporose, Knochenschmerzen, Kalzifikationen von Muskeln und Bändern, Erhöhung der Triglyzeride und Cholesterinwerte (in 20% der Fälle), Anstieg des VLDL und Abfall der HDL.

Merke! Besondere Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Hepatitis-Anamnese, Diabetes mellitus, Hyperlipidämie, Pankreatitis und bekannten Retinaerkrankungen! In selten auftretenden Fällen wurde über ein Capillary-Leak-Syndrom berichtet.

Wechselwirkungen

  • Alkohol: Mögliche Konversion von Acitretin zu Etretinat.
  • Colestyramin: Gleichzeitige Gabe sollte vermieden werden, da die Absorption von Etretinat vermindert ist. Acitretin sollte 1 Std. vor bzw. > 4 Std. nach Colestyramin-Einnahme gegeben werden. Wirkung auf Glukosetoleranz-Neueinstellung des Diabetes.
  • Tetracycline: Gefahr der intrakraniellen Hypertension.
  • Methotrexat: Mögliche additive hepatotoxische Wirkung.
  • Isotretinoin und Vit. A: Kumulative Vit. A-Toxizität!

Kontraindikation

Wegen Teratogenität kontraindiziert in Schwangerschaft, Stillzeit und bei allen gebärfähigen Frauen! Leberfunktionsstörungen, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Kombination mit Tetracyclinen oder Methotrexat, Niereninsuffizienz, Überempfindlichkeit gegen Acitretin.

Präparate

Neotigason

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

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