Urtikaria cholinergische L50.5

Zuletzt aktualisiert am: 24.10.2017

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Anstrengungsurtikaria; Cholinerge Urtikaria; Cholinergische Urtikaria; Pruritus cholinergischer; Schwitzurtikaria; Urticaire par effort; Urtikaria Anstrengungsurtikaria; Urtikaria Schwitzurtikaria

Definition

Zweithäufigste Form der Urtikaria, die nach körperlichen, seelischen oder thermischen Belastungen bei offenbar erhöhter Acetylcholin-Empfindlichkeit auftritt. Diese Urtikariaform ist nicht selten mit anderen Urtikariaarten oder auch Nahrungsmittelallergien kombiniert.

Manifestation

Frauen sind bevorzugt befallen. Typisch ist das Auftreten  im jungen Erwachsenalter

Lokalisation

Meist Bild der generalisierten Urtikaria; eine gewisse Bevorzugung der Extremitäten aber auch der oberen Rumpfbereiche wird beobachtet.

Klinisches Bild

Nach einer relevanten körperlichen, mit Schwitzen verbundenen Anstrengung, aber auch nach heißem Duschen oder Baden, seltener nach emotinonalen Stresszuständen, kommt es am Rumpf (Prädilektionstelle) und an den Extremitäten zu einem disseminierten, urtikariellen, juckenden Exanthem. 

Im Gegensatz zu anderen Formen der Urtikaria zeigen sich kleinherdige, eher spitzkegelig als flache, kaum 0,1-0,2 cm große, follikulär gebundene Quaddeln. Diese sind meist von einem Reflexerythem umgeben, können aber auch einen abgeblassten Halo aufweisen. Die Patienten geben meist einen kräftigen Juckreiz an.

Diagnose

S.u. Physikalische Urtikaria.

Als Provokationsteste kommen heiße Halbkörpervollbäder (40-41 °C für 10-20 Min.), doppelseitige Armbäder (40-44 °C für 20-25 Min.), Treppensteigen und heißer Tee bis zum Schwitzen infrage. Klinisch und labortechnisch sind Nahrungsmittelallergien abzuklären.

Therapie allgemein

  • Prophylaxe ist zugleich Therapie! Meidung emotionaler Stresssituationen und starker körperlicher Belastung. Keine schweißtreibenden Nahrungsmittel bzw. Genussmittel wie z.B. Alkohol, Kaffee, Tee.
  • Die Refraktärphase (Erschöpfungsphase der Mastzellen) kann zur Induktion einer Toleranz genutzt werden, d.h. die Pat. können angeleitet werden, sich regelmäßig Reizen auszusetzen, die keine schwere Symptomatik hervorrufen. Leichte körperliche Arbeit im Sinne eines Hardenings. Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten ist sinnvoll. S.a. Urtikaria, physikalische.

Externe Therapie

Symptomatisch mit juckreizstillender Lotio alba aquosa ggf. mit Zusatz von 2-5% Polidocanol R200 oder 1% Menthol-Lösung.

Alternativ:Glukokortikoid-haltige Cremes oder Lotionen wie 0,5-2% Hydrocortison-Creme oder Lotion R123 R120 .

Antihistaminika-haltige Gele (z.B. Fenistil, Tavegil, Soventol) helfen häufig wenig.

Bestrahlungstherapie

UVB-Bestrahlungen bringen nach Behandlungszeiträumen von 1-3 Monaten mäßig gute Therapieerfolge (Bestimmung der individuellen MED-UVB, Bestrahlung mit suberythematöser Dosis). Alternativ: PUVA-Therapie.

Interne Therapie

  • Erfolge mit Desloratadin (z.B. Aerius) 5-10 mg/Tag p.o., Cetirizin (Zyrtec) 10 mg/Tag p.o. oder Levocetirizin (z.B. Xusal) 10 mg/Tag p.o. sind beschrieben. Ggf. müssen die Antihistaminika aus therapeutischen Gründen" überdosiert" werden (z.B. Cetirizin 20 mg/Tag p.o.).
  • Bei sedierenden Antihistaminika ist das Mittel der 1. Wahl Hydroxyzin (z.B. Atarax 1-3 Tbl./Tag p.o.). Alternativ: Dimetinden (z.B. Fenistil 2mal/Tag 1 Drg. p.o.) oder Clemastin (z.B. Tavegil 2mal/Tag 1 Tbl. p.o.).
  • Durchschnittlich gute Wirkung auf Juckreiz und Quaddelbildung erzielt der Mastzellstabilisator Ketotifen (z.B. Zaditen) initial 1 mg/Tag über 3-4 Tage, danach steigern auf 2mal/Tag 1 mg und später auf 2mal/Tag 2 mg p.o.
  • Auch Danazol (z.B. Danadrol [über die internationale Apotheke erhältlich]) wird erfolgreich eingesetzt, 100-600 mg/Tag p.o., später 100-300 mg/Tag p.o., erhaltend oder kontinuierlich. Unter 200 mg/Tag kommt es zur kompletten Rückbildung des Juckreizes.
  • Alternativ können parasympatholytisch wirksame Medikamente wie Secalealkaloide (z.B. Dihydroergotamin 2mal/Tag 2,5 mg p.o.) versucht werden.
  • Alternativ oder zusätzlich Benzodiazepine wie Oxazepam (z.B. Adumbran) 25-50 mg/Tag.
  • Alternativ bei Versagen sämtlicher Theapieversuche ist ein Versuch mit dem Anti-IgE-Antikörper Omalizumab (Xolair; 300 mg/14 Tage s.c.).

Hinweis(e)

Nicht immer äußert sich das Krankheitsbild im Vollbild der Urtikaria, sondern in reduzierter Form als cholinergischer Pruritus oder in einer Extremvariante als "excercise induced anaphylaxis" (s.u. Schock, anaphylaktischer).

Literatur
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  3. Kobayashi H et al. (2002) Cholinergic urticaria, a new pathogenic concept: hypohidrosis due to interference with the delivery of sweat to the skin surface. Dermatology 204: 173-178
  4. Lee EE et al. (2001) Treatment of urticaria. An evidence-based evaluation of antihistamines. Am J Clin Dermatol 2: 27-32
  5. McClean SP et al. (1990) Refractory cholinergic urticaria successfully treated with ketotifen. J Allergy Clin Immunol 83: 738-741
  6. Olafsson JH et al. (1986) Treatment of chronic urticaria with PUVA or UV-A plus Placebo: a double blind study. Arch Dermatol Res 278: 228-231
  7. Ring J et al. (2001) Desloratadine in the treatment of chronic idiopathic urticaria. Allergy 56(Suppl 65): 28-32
  8. Tsunemi Y et al. (2003) Cholinergic urticaria successfully treated with scopolamine butylbromide. Int J Dermatol 42: 850

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