Latexallergie T78.4

Zuletzt aktualisiert am: 19.06.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

Alle Autoren

Synonym(e)

Allergie gegen Latex; Latexallergie; Latexsensibilisierung; Latexunverträglichkeit

Definition

In der Regel IgE-vermittelte Typ I-Reaktion auf Latex-haltige Produkte (selten Typ IV-Reaktionen). Nach Kontakt mit Operations-, Untersuchungs-, Haushaltshandschuhen, Pflaster, Beatmungsmasken, Urinbeuteln, Darmrohren etc., allerdings auch durch bloßen Aufenthalt in Räumen, in denen Latexhandschuhe verwendet wurden, kommt es zur Reaktion im Sinne einer Kontakturtikaria mit nicht seltener Generalisation bis hin zur Anaphylaxie.

Neben Haut- sind auch Schleimhautreaktionen möglich, z.B. bei indirektem Kontakt mit Latex-haltigen volatilen Partikeln (Rhinits, Konjunktivitis, Asthma bronchiale; s.u. Rhinoconjunctivitis allergica).

Vorkommen/Epidemiologie

Gehäuft bei Risikogruppen, insbes. Beschäftigten im Gesundheitswesen (Häufigkeit bis zu 17%) und an Spina bifida leidenden Patienten.

Ätiopathogenese

Typ 1 Reaktion oder Typ IV Reaktion gegen Latexallergene. Nach der IUIS Allergennomenklatur sind inklusive der Isoformen 16 Latexallergene bekannt, die als Hevea brasiliensis-Allergene (Hev b 1 - Hev b 13) bezeichnet werden. Ursachen der Zunahme von Sensibilisierungen:
  • Flächendeckende Verfügbarkeit sowie erhöhter Verbrauch von Einmallatexhandschuhen in Gesundheitseinrichtungen zum Schutz vor HIV-Infektion und anderen durch Blutkontakt übertragbaren Infektionserkrankungen.
  • Verwendung von Latex u.a. in Blasenkathetern, Tuben, Beatmungsmasken, Pflastern.
  • Produktionsbedingter hoher Protein- und Allergenanteil in Latexprodukten.

Klinisches Bild

Die klinischen Symptome des Latex-Kontakturtikaria-Syndroms nach Hautkontakt mit Latex werden nach v. Krogh und Maibach in 4 Stadien eingeteilt:
  • Stadium I: Lokalisierte Kontakturtikaria
  • Stadium II: Generalisierte Urtikaria inklusive Lidödem
  • Stadium III: Asthma bronchiale allergicum, Rhinokonjunktivitis,
  • orolaryngeale und gastrointestinale Symptome
  • Stadium IV: Anaphylaktischer Schock.

Diagnose

  • Prick-Testung mit teilstandardisierten, zum Teil bereits standardisierten kommerziellen Naturlatextestextrakten von verschiedenen Anbietern, Naturlatexmilch (nach Möglichkeit gering ammoniakalische oder nicht ammoniakalische Naturlatexmilch), Extrakt aus naturlatexhaltigen gepuderten medizinischen Handschuhen (Handschuhextrakt).

Merke! Bei Anamnese schwerer Reaktionen Verdünnungsreihen der Naturlatextestlösungen herstellen und Schwellentests durchführen.

  • Standardreihen von Aero- und Nahrungsmittelallergien (zur Erfassung assoziierter Sensibilisierungen).
  • Untersuchung auf spezifische IgE-Antikörper gegen Naturlatex im Serum (auch bei schweren Naturlatex-allergischen Reaktionen sind spezifische IgE-Antikörper nicht immer nachweisbar).
  • Provokationstests: Tragetest mit naturlatexallergenhaltigen, angefeuchteten Fingerlingen für 20 Minuten; Kontrolltest mit synthetischem Material an der anderen Hand.
    • Falls negativ: Geschlossener Epikutantest für 20 Minuten mit naturlatexallergenhaltigem, angefeuchtetem Handschuhmaterial auf 5 × 5 cm großer Fläche (bevorzugt am Handrücken), Kontrolltest mit synthetischem Handschuh an der anderen Hand.
    • Falls negativ: Tragetest mit naturlatexallergenhaltigem Handschuh für 20 Minuten, Kontrolltest mit synthetischem Handschuh an der anderen Hand; gegebenenfalls konjunktivaler, nasaler oder bronchialer Provokationstest mit Naturlatextestlösung; gegebenenfalls Nachahmung einer als symptomauslösend beschriebenen Situation mit Naturlatexkontakt.
Bedarfsweise zusätzlich:
  • Lungenfunktionsdiagnostik
  • Naturlatex-Allergennachweis im vermuteten Expositionsbereich durch Staubanalyse
  • Diagnostik zur Erfassung Naturlatexallergie-assoziierter Nahrungsmittelallergie
  • Diagnostik hinsichtlich assoziierter Soforttyp-Allergie gegen Ficus benjamina.

Therapie

Hinweis(e)

  • Latex ist die Milch bestimmter tropischer Pflanzen, die nach Einschneiden der Pflanzenrinde austritt und gewonnen wird. 95% der Welternte liefert der Gummibaum Hevea brasiliensis. Naturlatex besteht im Wesentlichen aus Wasser (50-60%) und Naturkautschuk (30-35%). Zu einem geringeren Anteil sind auch Proteine, Harze, Kohlenhydrate, anorganische Salze und Fettsäuren enthalten. Nicht der Naturkautschuk selbst, sondern die Proteine können bei sensibilisierten Personen allergische Reaktionen vom Soforttyp auslösen.
  • Latex kann in allen Bereichen des Arbeitsmarktes angetroffen werden, in denen naturlatexhaltige Berufsstoffe vorkommen, bei Webern mit Kontakt zu Latexfäden, in der Textilien- und Gummibandherstellung, in der Automobilindustrie, bei Arbeitern mit gepuderten Latexhandschuhen, Schuhverkäufern, Gärtnern, Arbeitern in der Handschuh- und Puppenindustrie und insbes. bei Beschäftigten im Gesundheitswesen sowie an Spina bifida leidenden Patienten.
  • Um das Risiko der Entwicklung von Latex-Sensibilisierungen zu reduzieren, wurden ein Allergen-Gehalt für Gummiprodukte von 0,5 µg Allergen/g und für die Raumluft an Arbeitsplätzen ein Allergen-Grenzwert von 0,5 ng/m3 vorgeschlagen.
  • Es zeigen sich relativ häufig Kreuzreaktionen mit Pflanzen, Früchten oder Gemüse:
    • Pflanzen: Ficus benjamina (Birkenfeige), Christusdorn, Gummibaum, Hanf, Hopfen (Bier), Immergrün, Kaffee (auch als Getränk), Kakteen, Korallen-Wolfsmilch, Maniok, Maulbeerbaum, Oleander, Rauwolfia (z.T in Medikamenten pflanzlicher Basis), Weihnachtsstern.
    • Früchte: Ananas, Avocado, Banane, Datteln, Esskastanie, Feigen, Kiwi, Mango, Melone, Orange, Papaya, Passionsfrucht (Maracuja),
    • Pfirsich, Tomate, Weintrauben.
    • Gemüse/Salat: Chicoree, Endivie, Kartoffel, Kopfsalat, Löwenzahn, Radiccio, Schwarzwurzel, Spargel.
  • Merke! Berufsdermatologische Wertung: Einschätzung der Minderung der Erwerbsfähigkeit: In Abhängigkeit vom klinischen Bild des Latex-Kontakturtikaria-Syndroms sind die Auswirkungen der Allergie bei der Berufskrankheit nach Nr. 5101 der Anlage zur Berufskrankheitenverordnung von "geringgradig" bis "schwerwiegend" einzuschätzen. Das klinisch am häufigsten angetroffene Stadium I wird i.d.R. als "geringgradig" gewertet. Die Stadien II und III sind je nach Schwere als "mittelgradig" bis "schwerwiegend" einzuschätzen, das Stadium IV ist als "schwerwiegend" einzuschätzen.

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Allmers H et al. (1996) Latexsensibilisierung und Latexallergenkonzentration in der Luft. Allergologie 2: 68-70
  2. Bernstein DI et al. (2002) Management of natural rubber latex allergy. J Allergy Clin Immunol 110: 111-116
  3. Diepgen TL, Dickel H, Becker D, Geier J, Mahler V, Schmidt A, Schwanitz HJ, Skudlik C, Wagner E, Wehrmann W, Weisshaar E, Werfel T, Blome O (2005) Evidenzbasierte Beurteilung der Auswirkung von Typ-IV-Allergien bei der Minderung der Erwerbsfähigkeit - Begutachtung berufsbedingter Hautkrankheiten. [Evidence-based evaluation of the occupational relevance of different delayed type sensitizations or allergens - Survey of occupational skin diseases]. Hautarzt 56: 207-223
  4. Diepgen TL et al. (2002) Beurteilung der Auswirkung von Allergien bei der Minderung der Erwerbsfähigkeit im Rahmen der BK 5101. Dermatol Beruf Umwelt 50: 139-154
  5. Ebo DG et al. (2004) Sensitization to cross-reactive carbohydrate determinants and the ubiquitous protein profilin: mimickers of allergy. Clin Exp Allergy 34: 137-144
  6. Elliott BA (2002) Latex allergy: the perspective from the surgical suite. J Allergy Clin Immunol 110(2 Suppl): 117-120
  7. Empfehlungen der interdisziplinären Arbeitsgruppe (1995) Naturlatex-Allergie. Allergology 5: 248-251
  8. Pereira C et al. (2003) Specific immunotherapy for severe latex allergy. Allerg Immunol (Paris) 35: 217-225
  9. Chowdhury MM et al. (2003) Natural rubber latex allergy in a health-care population in Wales. Br J Dermatol 148: 737-740
  10. Hepner DL, Castells MC (2003) Latex allergy: an update. Anesth Analg 96: 1219-1929
  11. Roest MA et al. (2003) Insulin-injection-site reactions associated with type I latex allergy. N Engl J Med 348: 265-266
  12. Schürer NY et al. (1995) Die Latexallergie. Hautarzt 46: 742-753

Disclaimer

Bitte fragen Sie Ihren betreuenden Arzt, um eine endgültige und belastbare Diagnose zu erhalten. Diese Webseite kann Ihnen nur einen Anhaltspunkt liefern.

Autoren

Zuletzt aktualisiert am: 19.06.2018