Kuhmilchallergie T78.1

Zuletzt aktualisiert am: 17.12.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Bos d 4; Milchallergie

Definition

V.a. bei Säuglingen und Kleinkindern auftretende (Häufigkeit: bei etwa 0,5-1,0 % (AA Schoenmaker 2015) der Säuglinge und Kleinkinder) allergische Reaktionen auf Milchproteine Kasein (hitzeresistent), β-Lactoglobulin (hitzeresistent), alpha-Lactoglobulin (hitzelabil), bovines Serumalbumin und bovines Immunglobulin.

Einteilung

Wichtige Alllergene der Kuhmilch (modifiziert nach I Rese  2015) 

Bos d 2 Lipokalin  

Bos d 3 S100 Kalzium-binding Protein

 Bos d 4 Alphalaktalbumin

 Bos d 5 Betalaktoglobulin

 Bos d 6 Serumalbumin

 Bos d 7 Immunoglobulin

 Bos d 8 Kasein – gesamt (Aufteilung bei Bos d 9 –Bos d 12) - Hitzestabilität

 Bos d 9 alphaS1-Kasein   

 Bos d 10 alphaS2-Kasein

 Bos d 11 beta-Kasein  

 Bos  d 12 kappa -Kasein

Vorkommen/Epidemiologie

Die Rate an nachgewiesener Kuhmilchallergie lag in größeren Studien bei 0,4%. Es gibt jedoch länderspezifische Unterschiede (Niederlande und Großbritannien: 1%).  Rund 70% der Kuhmilchallergiker waren nach 1 Jahr erscheinungsfrei! Nur selten persistieren Milchallergien im fortgeschrittenen Alter (anaphylaktische Reaktionen, Anstrengungsurtikaria; hypotone Kreislaufrektionen)

Ätiopathogenese

Kuhmilch besteht zu 80% aus der Kaseinfraktion und zu 20% aus Molkenproteinen.

Kuhmilchallergiker sind meist gegen mehrere Milchallergene gleichzeitig sensibilisiert. Im Vordergrund stehen Kaseine (Bos d8), beta-Laktoglobulin (Bos d5), gefolgt von alpha-Laktoglobulin (Bos d4) und Rinderserumalbumin (Bos d9). Die Kaseinfraktion setzt aus verschiedenen Kaseinprodukten (Bos d9 - Bos d12) zusammen, die in unterschiedlichen Graden allergenisch wirken. Sie ist hitzestabil. 

Es besteht eine hohe sequenzielle Homologie zwischen Molekenproteinen und Kaseinen zwischen Säugetiere und folglicher Kreuzreaktion ziwschen Kuh-, Ziegen- und Schafsmilch (Tomitz D et al. 2017).

Alpha-Laktalbumin ist artspezifisch. Lediglich zu Ziegenlaktalbumin besteht eine gewisse Kreuzreaktivität. Das Molekulargewicht des aus einer einzigen Kette bestehenden Moleküls liegt bei 14,2 kD. Die Aminosäuresequenz ist bekannt. Trotz einer 74% Übereinstimmung mit dem analogen Molekül der menschlichen Milch gehört es zuden Major-Allergenen.  Das Molekül enthält bis zu 7 IgE-bindende Epitope - z.Z. linear. z.T konformationsabhängig. Wahrscheinlich spricht die Thermolabilität des Molküls dafür, dass die Konformationsepitope die dominierende Rolle spielen.  

Beta-Laktalbumin besteht aus identischen Peptidketten. Die Aminosäuresequenz ist bekannt. Ein analoges Molekül findet sich in der menschlichen Milch. Es hat die Fähigkeit zur Retinolbindung. Das Molekulargewicht liegt bei 18,6kD.  Bemerkenswwert ist, dass zu dieser Gruppe auch bekannte Inhalationsallergene gehören wie die von: Maus, Ratte, Pferd (Equ c1) und Schabe (Bla g4) (Jäger L 2001).  Unter den 5 genetischen Varianten des Beta-Laktalbumins (A,B,C,D,Dr) spielt A bei der Milchallergie die dominierende Rolle. Auf dem Molekül können bis zu 11 IgE-bindende Epitope nachgewiesen werden. 

Therapie

Weitestmögliche Karenz durch Verwendung von Kuhmilchersatzprodukten. Diese sollten vor Gebrauch ausgetestet werden, da gleichzeitig eine Allergie gegen die Ersatzprodukte bestehen kann (20-30% der Säuglinge haben gleichzeitig eine Sojamilchunverträglichkeit!). Bei Säuglingen sind nur die hypoallergenen Nahrungsmittel zu verwenden, die in ihrer Zusammensetzung den Empfehlungen zur Säuglingsernährung entsprechen (s. Tab. 1). Säuglinge mit Kuhmilchallergie sollten mindestens 4-6 Monate gestillt werden. Um keine Allergene über die Muttermilch zu übertragen, sollte die Mutter sich in dieser Zeit einer kuhmilchfreien Diät unterziehen (s. Tab. 2). Über 80% der Kuhmilchallergiker vertragen Kuhmilch wieder nach dem 3. Lebensjahr. Bei älteren noch allergisch reagierenden Kindern oder Erwachsenen können auch andere Produkte, wie z.B. Schafs- oder Ziegenmilch, herangezogen werden.

Berichte über Verträglichkeit von Ziegenmilch bei bestehender Kuhmilchallergie werden auf eine unterschiedlich zusammengesetzte Kaseinfaktion in der Ziegenmilch (Cap h 5) und eine fehlende Kreuzreaktivität des beta-Kaseins (bos d 11) zurückgeführt.  Dies obwohl eine Sequenzhomologie von > 91% zwischen beiden Kaseinfraktionen besteht. Kreuzreaktionen gegenüber Rindfleisch ist bei Kuhmilcallergiker selten. Umgekehrt hat ein Großteil der Kinder mit Rindfleischallergie gleichzeitig auch eine relevante Kuhmilchallergie. Dies wird auf eine relevante Allergie gegen Rinderserumalbumin (Bos d 6) zurückgeführt.    

Alternativen bei Kuhmilchallergie: Reisdrink, Haferdrink oder Mandeldrink. Wichtig ist der ausgewogene Kalziumhaushalt!

  • Sojamilch: Keine Kreuzreaktivität gegenüber Kuhmilchprodukten.
  • Kaseinhydrolysat: Enthält keine längerkettigen Peptidanteile und zeichnet sich durch Hypoallergenität aus. Nachteil: Schlechter Geschmack.
  • Laktoglobulinhydrolysat: Enthält vorwiegend Dipeptide und wird von allen Kuhmilchallergikern gut toleriert. Nachteil: Schlechter Geschmack.
  • Milchersatz auf Fleischbasis (meatbased formula): Kreuzreaktivität mit Proteinen aus der Kuhmilch ist nicht ausgeschlossen.

Tabellen

Milchersatznahrungen für Säuglinge

Eiweißquelle

Name

Hersteller

Eignung

Sojaprotein

Milupa SOM

Milupa

geeignet

Lactopriv

Töpfer

geeignet

Multival plus

Deutsche Abbott

geeignet

Humana SL

Humana

geeignet

granoVita Soja-Drink

De-Vau-Ge

nicht geeignet (zu viel Eiweiß, zu wenig Fett und Kohlehydrate, zu energiearm)

Soja/Fleisch-hydrolysat

Pregnomin

Milupa

geeignet, frei von allen Milchbestandteilen

Kaseinhydrolysat

Nutramigen

Mead Johnson

geeignet

Pregestimil

Mead Johnson

geeignet

Albuminhydrolysat

Alfare

Nestle

geeignet (Lactose in geringen Mengen)

Mandeln

granoVita Mandelmus

De-Veau-Ge

nicht geeignet (zu wenig Valin, Tyrosin, Calcium)

Ziegenmilch

-

-

nicht geeignet (enthält Lactose; zu wenig Folsäure; bei langfristigem Gebrauch Gefahr der "Ziegenmilchanämie"; schwierig zu bekommen)


Milch, Milchprodukte

Milch in jeder Form, Säuglings-Milchnahrungen, Sahne, Joghurt, Quark, Käse

Backwaren

Brot und Gebäck, das mit Milch, Buttermilch, Magermilch, Kasein, Molkenpulver, Milchzucker, Sahne, Butter, Margarine hergestellt wurde.

Fleischwaren

Fleischkonserven, viele Wurstwaren, tiefgefrorene Gerichte, Fleischsalate

Fisch

Fischkonserven!

Obst und Gemüse

Konserven, Tiefkühlkost!

Fette

Butter, Margarine

Süßwaren

Milchschokolade, Sahnebonbons, Schokoriegel, Milcheis, Sahneeis

Nährmittel

Instant-Erzeugnisse!

außerdem

Fertiggerichte

Zutatenliste beachten! Folgende Bezeichnungen bedeuten Milch, Milcheiweiß oder Lactose: Milch, Magermilchpulver, Milcheiweiß, Molke, Kasein, Milchzucker, Sahne, Butter, Margarine, Joghurt, Quark, Käse

Diät/Lebensgewohnheiten

Spezielle Kochbücher erleichtern eine ausgewogene Ernährung bei Kuhmilchallergie:
  • Buchart K (2003) Nahrungsmittelallergie. Ein Leitfaden für Betroffene. Studien Verlag, ISBN 3-7065-1905-4, KNO-NR: 12 22 04 91
  • Deilmann J, Zeltner J, Hummen B (1995) Allergenarmes Kochen für Säuglinge, Kleinkinder und Erwachsene (erhältlich in Apotheken)
  • Thiel C, Ilies A (1994) Kochen und Backen bei Nahrungsmittelallergien. Falken-Verlag, ISBN 3-8068-4745-2
  • Lathia D, Lichte V (1989) Ohne Milch gesund ernährt. Hilfen für Milchallergiker. Zenon Verlag

Hinweis(e)

Untersuchungen an kleineren Kollektiven konnten den Erfolg einer mehrjährigen oralen Hyposensibilisierungetherapie (Protokoll mit langsam ansteigernder Menge verdünnter Kuhmilch) belegen.

Kuhmich wird in verbackener form von den meisten Kuhmilchallergikern vertragen!

Literatur
Für Zugriff auf PubMed Studien mit nur einem Klick empfehlen wir Kopernio Kopernio

  1. Businco L et al. (1993) Hydrolysed cow's milk formulae. Allergenicity and use in treatment and prevention. An ESPACI position paper. Pedriatr Allergy Immunol 4: 101-111
  2. Fiocchi A et al. (2003) Clinical tolerance to lactose in children with cow's milk allergy. Pediatrics 112: 359-362
  3. Hazebrouck S et al. (2014) Goat's milk allergy without cow's milk allergy: suppression of non-cross-reactive epitopes on caprine β-casein. Clin Exp Allergy 44:602-610
  4. Jäger L et al. (2001) Nahrungsmittelallergene. In Jäger L et al (Hrsg) Nahrungsmittelallergien und – intoleranzen. Urban&Fischer Verlag S. 153-154
  5. Jarvinen KM et al. (2001) IgE and IgG binding epitopes on alpha-lactalbumin and beta-lactoglobulin in cow's milk allergy. Int Arch Allergy Immunol 126: 111-118
  6. Lehrnbecher T et al. (1994) Kuhmilchprotein-induzierte Kolitis bei voll gestillten jungen Säuglingen? Monatschr Kinderheilkd 142: 446-448
  7. Magazzu G et al. (2002) Gastrointestinal manifestations of cow's milk allergy. Ann Allergy Asthma Immunol 89: 65-68
  8. Patriarca G et al. (2002) Oral desensitisation in cow milk allergy: immunological findings. Int J Immunopathol Pharmacol 15: 53-58
  9. Reese I et al. (2015) Allergie gegen Kuhmilch und Hühnerei: was bietet die molekulare Allergiediagnostik? Allergo J Int 24: 34-41
  10. Recke A et al. (2017) Vier Gesichter einer Milchallergie. Allergo J Int 26: 56 
  11. Schoemaker AA et al.(2015)  Incidence and natural history of challenge-proven cow's milk allergy in European children--EuroPrevall birth cohort. Allergy70:963-972.
  12. Tomitz D et al. (2017) Isolierte Ziegen- und Schafsmilchallergie. Allergo J Int 26: 56-57 
  13. Worm M et al. (2016) Leitlinie zum Mangement IgE-vermittelter Nahrungsmittelallergien. Allergologie 39: 302-344
  14. Zimmermann T (1994) Das nahrungssensitive atopische Ekzem. Sozialpädiatrie 16: 300-303

Weiterführende Artikel (2)

Lipokaline; Urtikaria cholinergische;

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