Insektengiftallergie T78.81

Synonym(e)

Bienenallergen; Bienengiftallergene; Bienengiftallergie; Hymenopterenallergie; Hymenopterengiftallergie; insect venom allergy; Insektenallergie; Stinging insect allergy; Wespenallergen; Wespenallergene; Wespengiftallergene; Wespengiftallergie

Definition

Meist IgE-vermittelte, evtl. lebensbedrohliche Soforttyp-Reaktionen auf beim Insektenstich übertragene Allergene (v.a. Phopholipasen).

Am häufigsten handelt es sich um Bienengiftallergie oder Wespengiftallergie. Eine Biene überträgt beim Stich etwa 50ug, eine Wespe etwa 3-5ug Gifteiweiße.

Doppelpositivität wird bei rund 50% der Patienten mit Insektengiftallergien festgestellt.

Seltener sind Hornissenstichallergien oder Hummelstichallergien, nur ausnahmsweise Ameinsengiftallergien.  

 

Einteilung

Von den Insekten der Ordnung Hymenoptera (Hautflügler) sind v.a. die Stiche der staatenbildenden Familien der Faltenwespen (Vespidae s.u. Wespenstich) , der Bienen (Apidae s.u. Bienenstich) und der Ameisen (Formicidae), seltener die Hummeln (s. Hummelstich) für allergische Allgemeinreaktionen verantwortlich. 

Die Familie der Faltenwespen umfasst die Unterfamilien der echten Wespen und der Feldwespen. Zu den echten Wespen zählen die Kurzkopfwespe, die Langkopfwespe und die Hornissen. In Europa sind die  Kurzkopfwespen (Vespula germanica, Vespula vulgaris) für die meisten allergischen Zwischenfälle verantwortlich. Im Gegensatz zu anderen Wespenarten sind sie Aas- und Fleischfresser (Interaktionen mit Menschen z.B. beim Essen im Freien). Stiche von Hornissen und Langkopfwespen ereignen sich dagegen fast nur in Nestnähe. Feldwespen (Polistes spp.) kommen in Europa v.a. in der Mittelmeerregion vor. Kleine Kolonien finden sich überall außer in England.

Neu in Europa ist das Auftreten der asiatischen Hornisse, die sich ausgehend von Südfrankreich ausbreitet.

Stiche von Ameisen verursachen in den Südstaaten der USA sowie in Süd- und Mittelamerika nicht selten allergische Allgemeinreaktionen. Verantwortlich sind vor allem die Feuerameisen (Solenopsis spp.). Selten sind anaphylaktische Reaktionen auf Ameisen Spezies.

In Australien spielt die Ameisenart "Myrmecia pilosula" (-jack jumper ant- , springt bis 10 cm weit) für den Menschen eine Rolle. Ein Stich mit dem Stachel am hinteren Körperteil ist in seiner Reaktion vergleichbar mit dem einer Biene oder Wespe. Etwa 3% (!) der Menschen in Australien reagieren mit allergischen Symptomen auf das Gift.

Die einheimischen Wald- und Wegameisen verfügen dagegen nur über einen rudimentären Stechapparat. Allergische Allgemeinreaktionen  durch ihre Stiche sind äußerst selten.

Vorkommen/Epidemiologie

Nach einem Hymenopterenstich (Biene, Wespe,Hornisse) treten bei ca. 0,8-5% der Bevölkerung systemische Überempfindlichkeitsreaktionen auf.

Beeinflussende Risikofaktoren:

  • Tryptase (Mastozytose): In mehreren Studien hat sich ein erhöhter Serumtryptasewert als Risiko-erhöhender Faktor erwiesen. Ein erhöhter Tryptasewert > 10ug/l zeigt ein erhöhtes Risiko sowohl für schwere Reaktionen auf Insektenstiche als auch auf die SIT (spezifische Immuntherapie)-Injektionen.
  • Alter: Ältere Menschen tendieren zu stärkeren Systemreaktionen als jüngere. 
  • Beta-Blocker, ACE-Hemmer: Eine laufende Behandlung mit Beta-Blocken bzw. ACE-Inhibitoren kann den Schweregrad von Systemreaktionen verstärken.
  • Atopie: Atopiker haben kein höheres Risiko as Nicht-Atopiker.

Ätiopathogenese

Identifizierte Einzelallergene klinisch relevanter Insektenarten gemäß IUIS Allergen Nomenclature Sub-Committee. 

Wespengiftallergene

  • Dolichovespula arenaria (Wespenart/Yellow hornet)
    • Dol a 5 Antigen 5
  • Dolichovespula maculata (Wespenart Nordamerikas/White face hornet)
    •  Dol m 1 Phospholipase A1B
    •  Dol m 2 Hyaluronidase
    •  Dol m 5 Antigen 5
  • Polistes annularis (Papierwespe/Wasp)
    • Pol a 1 Phospholipase A1B
    • Pol a 2 Hyaluronidase
    • Pol a 5 Antigen 5
  • Polistes dominula (gallische Feldwespe/Mediterranean paper wasp)
    • Pol d 1 Phospholipase A1
    • Pol d 4 Serine protease
    • Pol d 5 Antigen 5
  • Polistes exclamans (Papierwespe/Wasp)
    • Pol e 1 Phospholipase A1
    • Pol e 4 Serine protease
    • Pol e 5 Antigen 5
  • Polistes fuscatus (Feldwepse/Wasp)
    • Pol f 5 Antigen 5
  • Polistes gallicus (gallische Feldwespe/Wasp)
    • Pol g 1 Phospholipase A1 
    • Pol g 5 Antigen 5
  • Polistes metricus (Feldwepse/Wasp)
    • Pol m 5 Antigen 5
  • Polybia paulista (Wespenart/  Wasp)
    • Poly p 1 Phospholipase A1
  • Polybia scutellaris (Wasp)
    • Poly s 5
  • Vespa crabro (Europäische Hornisse/European hornet)
    • Vesp c 1 Phospholipase A1B
    • Vesp c 5 Antigen 5
  • Vespa magnifica (Hornisse/Hornet)
    • Vesp ma 2 Hyaluronidase 35 kDa No 2011-07-19 2011-07-22
    • Vesp ma 5 Antigen 5, member of PR-1 family
  • Vespa mandarinia (Hornisse/Giant asian hornet)
    • Vesp m 1 Phospholipase A1B
    • Vesp m 5 Antigen 5
  • Vespula flavopilosa (Wespe/Yellow jacket)
    • Ves f 5 Antigen 5
  • Vespula germanica (deutsche Wepse/Yellow jacket)
    • Ves g 5 Antigen 5
  • Vespula maculifrons (Wespe/Yellow jacket)
    • Ves m 1 Phospholipase A1B29
    • Ves m 2 Hyaluronidase
    • Ves m 5 Antigen 5
  • Vespula pensylvanica (pensylvanische Wespe/Yellow jacket)
    • Ves p 5 Antigen 5
  • Vespula squamosa (Wespe/Yellow jacket)
    • Ves s 1 Phospholipase A1B
    •  Ves s 5 Antigen 5
  • Vespula vidua (Wespe/Wasp)
    • Ves vi 5 Antigen 5
  • Vespula vulgaris (gemeine Wespe/Yellow jacket)
    • Ves v 1 Phospholipase A1B
    • Ves v 2 Hyaluronidase  
    • Ves v 3 Dipeptidylpeptidase IV
    • Ves v 5 Antigen 5
    •  Ves v 6 Vitellogenin

Bienengiftallergene

  • Apis cerana (Östliche Honigbiene/Eastern hive bee)
    •  Api c 1 Phospholipase A2
  • Apis dorsata (Riesenhonigbiene/Giant honeybee)
    • Api d 1 Phospholipase A2
  • Apis mellifera (Honigbiene/Honey bee)
    •  Api m 1 Phospholipase A2
    •  Api m 2 Hyaluronidase
    •  Api m 3 Acid phosphatase
    •  Api m 4 Melittin
    •  Api m 5 Dipeptidylpeptidase IV
    •  Api m 6 
    •  Api m 7 CUB serine protease
    • Api m 8 Carboxylesterase
    •  Api m 9 Serine carboxypeptidase
    •  Api m 10 Icarapin variant 2, carbohydrate-rich protein
    •  Api m 11 Major royal jelly protein 
    •  Api m 12 Vitellogenin

Hummelgiftallergene

  • Bombus pennsylvanicus (Hummel/Bumble bee)
    • Bom p 1 Phospholipase A2
    • Bom p 4 Protease
  • Bombus terrestris (dunkle Erdhummel/Bumble bee)
    • Bom t 1 Phospholipase A2
    • Bom t 4 Protease

Klinisches Bild

Die klinischen Reaktionen reichen von einer gesteigerten Lokalreaktion (> 10 cm; > 24 Std. anhaltend) bis zur potenziell lebensbedrohlichen Allgemeinreaktion (s.u. Anaphylaxie), die v.a. bei ungünstiger Lokalisation des Stiches (z.B. im Bereich der oberen Luftwege) auftreten kann. Die Symptomatik beginnt meist innerhalb von Minuten, Intervalle von mehr als 30 Minuten sind eher selten.

Die Stichreaktionen werden wie folgt eingeteilt:

  1. normale Lokalreaktion
  2. schwere Lokalreaktion
  3. systemisch-toxische Stichreaktion
  4. systemisch-allergische Stichreaktion
  5. ungewöhnliche Stichreaktion (selten, weder IgE-vermittelt noch toxisch: Lymphadenopathie, periphere Neuropathien, Vaskulitiden)

Toxische Reaktionen treten nach multiplen Hymenopterenstichen auf. Bedrohliche toxische Reaktionen treten bei Kindern bei >10 Stichen, bei Erwachsenen bei 50-100 Stichen auf.1000 Stiche werden selten überlebt.  

Systemreaktionen werden nach Ring u. Messmer wie folgt eingeteilt:

  • Stadium I     Hauterscheinung und oder leichte Temperaturerhöhung
  • Stadium II     nachweisbare, aber nicht lebensgefährdenden kardiovaskuläre Reaktionen (Tachykardie, Bliutdrucabfall)
  • Stadium III    Schock, lebensbedrohlicher Spaß muss der Klasse der glatten Muskulatur
  • Stadium IV    Herz-Kreislauf-Stillstand

 

 

Diagnose

Mit den verfügbaren rekombinanten Allergenkomponenten des Bienengifts (rApi m1) bzw. Wespengifts (rVes v 5) ist der Nachweis einer Primärsensibilisierung auf Bienen- oder Wespengift bzw. einer echten Doppelsensibilisierung zum Abgleich einer Kreuzreaktion möglich. Für Kreuzreaktionen sind hauptsächlich Zuckerreste verantwortlich, die in versch. Proteinen enthalten sind, die kreuzreaktiven Kohlenhydratkomponenten. Die besseren Abgrenzungen führen zu einer differenzierten Indikationsstellung bei der spezifischen Immuntherapie.

Therapie

Verlauf/Prognose

Die Effektivität einer spezifischen Immuntherapie bei Hymenopterengiftallergie hat sich in zahlreichen Studien bewiesen. 80-100% der Patienten tolerieren nach Abschluss der Immuntherapie einen entsprechenden Insektenstich ohne weitere systemische Reaktion. Insbesondere bei Kindern ist nach Beendigung ein langandauernder Schutz belegt.

Tabellen

Einleitende Phase einer spezifischen Immuntherapie bei Bienen- bzw. Wespenstichallergien

Dosierungsschema

Zeitdauer bis zur Erhaltungsdosis von 100 μg

Ort

Vorteile

Nachteile

Ultrarush

3,5-6 Std.

Intensivstation

Weniger systemische Reaktionen bei Wespengift als bei Rush-Hypo

Geringere kumulative Dosen, immer überstarke Lokalreaktionen, für Folgeinjektionen wieder stationär

1,5 Tage

Periphere Station

Kumulative Dosis 350 μg

Rush

4-15 Tage (Wichtig: Kontinuierliche Dosissteigerung!)

Periphere Station

Effektivstes Verhältnis von zeitlichem Aufwand und Schutzwirkung: Deshalb empfehlenswerteste Methode

Cluster

29 Tage

Ambulant

Wöchentliche Abstände, bis zu 3 Injektionen pro Tag

Konventionell

7-15 Wochen

Ambulant

Wöchentliche Injektionen, geringere Nebenwirkungsrate

Erst später Schutz, deshalb nur außerhalb der Flugzeit durchführen; Kontrolle/Behandlung von NW sind erschwert


Tag

Zeit

[Std.]

ALK-Flasche

Konzentration

[μg/ml]

Dosis

[ml]

Dosis

[µg]

1

0

1

0.11

0.1

0.01

0.5

1

0.1

0.5

0.05

1

1

0.1

1

0.1

1.5

2

1

0.5

0.5

2

0

2

1

1

1

1

2

1

2

2

2

3

10

0.4

4

3

3

10

0.8

8

3

0

3

10

1

10

1

3

10

2

20

2

4

100

0.3

30

3

4

100

0.4

40

4

0

4

100

0.5

50

1

4

100

0.6

60

2

4

100

0.7

70

3

4

100

0.8

80

5

0

4

100

0.9

90

2

ALK Depot

100

1.0

100


Fortsetzungstherapie der spezifischen Immuntherapie (z.B. ALK-Depot SQ)

Termin

Konzentration

[μg/ml]

Dosis

[ml]

Dosis

[μg]

nach 1 Woche

100

1

100

nach 2 Wochen

100

1

100

nach 3 Wochen

100

1

100

nach 4 Wochen

100

1

100

etc. alle 4 Wochen


Procedere bei Intervallüberschreitungen während der Fortsetzungstherapie (z.B. Reless, Venomil) der spezifischen Immuntherapie

Intervall

(Wochen)

Procedere

wässrige Allergene

ALK Depot SQ

4-6

75% der letzten Dosis

-

6-8

50% der letzten Dosis

-

8-10

25% der letzten Dosis

75% der letzten Dosis

10-12

Neubeginn der spezifischen Immuntherapie

50% der letzten Dosis

12-14

s.o.

25% der letzten Dosis

14-16

s.o.

10% der letzten Dosis

> 16

s.o.

25% der letzten Dosis


Dosisreduktion bei unerwünschten Nebenwirkungen während der spezifischen Immuntherapie

Symptome

Procedere bei allergischen NW

Leichte Lokalreaktion

Keine Dosisreduktion

Gesteigerte Lokalreaktion

Dosisreduktion um 1-2 Schritte

Subjektive Allgemeinreaktion (Parästhesien, Juckreiz, Unwohlsein, Kopfschmerzen)

Letzte Dosis wiederholen, bei mehrfachem Auftreten ggf. Antihistaminika-Prophylaxe

Leichte Allgemeinreaktion (Flush, Urtikaria, Pruritus, Nausea)

Dosisreduktion auf 50%, langsamere Steigerung

Starke Allgemeinreaktion (Erbrechen, Defäkation, Schwindel, Bronchospasmus, Glottis-Ödem, Krämpfe)

Dosisreduktion auf 10%, langsamere Steigerung

Anaphylaktischer Schock

Eignung für spezifische Immuntherapie überprüfen, evtl. Neubeginn, langsame Dosissteigerung

Literatur

  1. Varga R.et al. (2011)  Bietet die gängige spezifische Immuntherapie (SIT) mit Wespengift einen Schutz vor systemischen Reaktionen bei Stichen von Dolichovespula spp.? Abstract-CD 46. DDG-Tagung P02/14 -
  2. Helbling A et al. (2014) Update zur Hymenopterengiftallergie mit besonderen Aspekten der Diagnostik und Therapie. Allergo J 22: 265-273

Disclaimer

Bitte fragen Sie Ihren betreuenden Arzt, um eine endgültige und belastbare Diagnose zu erhalten. Diese Webseite kann Ihnen nur einen Anhaltspunkt liefern.

Zuletzt aktualisiert am: 19.01.2018