Histamin-Intoleranz E34.9

Zuletzt aktualisiert am: 29.05.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

enterale; Enterale Histaminose; histamine intolerance; Histaminintoleranz ; Histaminose

Definition

Nicht-immunologische, häufig als Nahrungsmittelintoleranz (-unverträglichkeit) auftretende klinische Symptomatik , die als Ungleichgewicht zwischen Histamin und dem Histamin-abbauenden Enzym Diaminoxidase (DAO) definiert ist. Dieses Ungleichgewicht kann infolge einer defizitären Aktivität der DAO entstehen oder über akkumuliertes Histamin durch erhöhte Histaminzufuhr bedingt sein (exogen: z.B. über Nahrungs- und Genussmittel, Medikamente; endogen: z.B. bakteriell zugeführtes Histamin).

Vorkommen/Epidemiologie

  • Prävalenz: 1% der deutschen Bevölkerung.
  • Betrifft meist Frauen im Alter von 40-45 Jahren.

Ätiopathogenese

Angeborene oder erworbene (z.B. im Rahmen einer Entzündung der Darmschleimhaut, Symptome dann häufig nur passager), Aktivitätsminderung oder Funktionshemmung des für den Histaminabbau zuständigen Enzyms Diaminoxidase (DAO), die in den Enterozyten des Dünndarms, in Leber, Nieren und Leukozyten vorkommt. Die kontinuierlich ins Darmlumen sezernierte DAO baut Histamin bereits intraluminal ab, der Rest wird in den Enterozyten abgebaut. Kofaktoren sind 6-Hydroxydopa und Vit. B6 (Pyridoxalphosphat). Die biologische Bedeutung eines effektiven und schnellen Histaminabbaus lässt sich daran ermessen, dass in der Schwangerschaft ab dem 3. Schwangerschaftsmonat zum Schutze des Fetus die DAO um das 50- bis 1000fache ansteigt! Die Aktivitätsminderung der DAO führt zu einem Missverhältnis von Histaminzufuhr und Histaminabbau sowie Anstieg der Histaminkonzentration im Serum mit entsprechender klinischer Symptomatik. Der Histamingehalt wird u.a. gesteigert durch:

  • Genuss besonders histaminhaltiger Getränke und Nahrungsmittel (s. Tab.)
  • Zufuhr von Histaminliberatoren (z.B. Erdbeeren oder Zitrusfrüchte provozieren verstärkte (nicht-immunologische) Freisetzung von Histamin aus Mastzellen und basophilen Leukozyten)
  • Intestinale Blutungen (passagere Aktivitätsminderung der DAO)
  • Intestinale bakterielle Infektionen (evtl. Aktivitätsminderung der DAO)
  • Erhöhte Histaminsensitivität (z.B. bei Atopikern)
  • Arzneimittel (s. Tab.), Alkohol (Alkohol und Histamin konkurrieren um das selbe abbauende Enzym, die Aldehyddehydrogenase.
  • Gleichzeitige Zufuhr anderer biogener Amine, die durch DAO abgebaut werden.

Klinisches Bild

  • Leitsymptome sind gastrointestinale Störungen wie Diarrhoe, diffuse Magenschmerzen, Koliken, Flatulenz. Häufiges Leitsymptom ist eine "Rotweinunverträglichkeit".
  • Weiterhin: vasomotorischer Kopfschmerz, Dysmenorrhoen, selten Beteiligung des Herz-Kreislaufsystems.
  • Haut- und Schleimhautsymptome: Juckreiz, Urtikaria, Asthma bronchiale, Angioödem, Rhinitis, Verschlechterung eines bestehenden atopischen Ekzems.

Labor

Bestimmung des Plasma- und Serumspiegels von Histamin (Normwert 20-100 µg/l) und Diaminooxidase (Normwert > 10 IE/ml).

Diagnose

Anamnese:
  • Abzuklären sind folgende Fragen:
    • Häufige Kopfschmerzen, Migräne?
    • Unverträglichkeit von (südländischem) Rotwein, Rotweinessig, u. a. Alkoholika (z.B. Weizenbier, Champagner)
    • Unverträglichkeit von Hartkäse, Dauerwürsten, Tomaten oder Tomaten - Ketchup sowie Schokolade
    • Magen- und Darmstörungen, v.a. Diarrhöen über längere Zeit
    • Hypotonie
    • Tachykardie, Herzrhythmusstörung
    • Dysmenorrhoe
  • In-vitro-Verfahren (Gesamt IgE, spez. IgE-AK gegen Nahrungsmittel/ Inhalationsallergene; DAO-Konzentration im Serum)
  • Hauttestung ( Pricktest, Prick-zu-Pricktest mit Nahrungsmitteln)
  • oraler Provokationstest (doppelblinde, placebokontrollierte orale Nahrungsmittelprovokation).

Differentialdiagnose

Komplikation

Schwere Anaphylaxien nach Insektenstichen!

Therapie

Tabellen

 

Histaminreiche Nahrungsmittel

Histamingehalt (mg/kg)

Rotwein

bis 3800

Rotweinessig

bis 4000

Champagner

670

Sekt

15-18

Weizenbier

120-300

Bier

20-50

Emmentaler

< 10-500

Parmesan

< 10-580

Gouda, Edamer

< 10-200

Camembert, Brie

< 10-300

Salami

< 10-280

Fisch, fangfrisch

0

Fisch, verdorben

bis 1300

Fisch (tiefgekühlt)

0-5 (bis 300)

Sauerkraut

10-200

Spinat

30-60

 

Bemerkung: Diese Tabelle sagt nichts über die tatsächliche Verträglichkeit eines Produktes aus. So werden große Histaminmengen in Käse besser vertragen als im Fisch. Dies liegt an der langsameren Freisetzung des Histamins. Somit ist dieses Tabellenwerk nur als grobe Orientierung zu werten. 

Hinweis(e)

Medikamente mit Diaminoxidase-hemmender Wirkung:
  • Acetylcystein
  • Ambroxol
  • Aminophyllin
  • Amitriptylin
  • Chloroquin
  • Clavulansäure
  • Isoniazid
  • Metamizol
  • Metoclopramid
  • Propaphenon
  • Verapamil.

Literatur
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  1. Bodmer S et al. (1999) Biogenic amines in foods: histamine and food processing. Inflamm Res 48: 296-300
  2. Jarisch R et al. (2012) Histamin-Intoleranz. Akt Dermatol 38: 159-166
  3. MacGlashan D Jr (2003) Histamine: A mediator of inflammation. J Allergy Clin Immunol 112: S53-59
  4. Ortolani C et al. (2006) Food allergies and food intolerances. Best Pract Res Clin Gastroenterol 20: 467-483
  5. Reese I et al. (2012) Vorgehen bei  Verdacht auf Unverträglichkeiten gegenüber oral aufgenommenem Histamin. Allergo J 21: 22-28 
  6. Vassilopoulou E et al. (2007) Severe Immediate Allergic Reactions to Grapes: Part of a Lipid Transfer Protein-Associated Clinical Syndrome. Int Arch Allergy Immunol. 143: 92-102

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