Formaldehyd

Zuletzt aktualisiert am: 13.04.2018

Autor: Prof. Dr. med. Peter Altmeyer

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Synonym(e)

Ameinsensäurealdhyd; Formaldehyde; Formaldehydum; Formalin; HCHO; Methanal; Oxymethylen

Definition

Organische Verbindung mit weiter Verbreitung. Im Rohzustand als farbloses stechend riechendes Gas auftretend. Bei Vorliegen in wässriger Lösung als Formalin bezeichnet. Zu den Formaldehydabspaltern geören Bronopol, Diazolidinyl- und Imidazolidinylharnstoff sowie Quaternium-15

Allgemeine Information

  • Reizgas mit Wirkung insbes. auf Schleimhäute. 90-100% werden beim Einatmen resorbiert (also nicht abgeatmet) und später meist in den oberen Atemwegen zu Wasser und Kohlendioxid verstoffwechselt.
  • In Deutschland werden z.Zt. ca. 600.000 Tonnen pro Jahr industriell hergestellt. Anwendung als Ausgangsstoff für Harze, Bindemittel für die Herstellung von Holzwerkstoffen (Pressspanplatten), Textilhilfsmittel, Desinfektions- und Konservierungsmittel sowie als Rohstoff für Arzneimittel.
  • Als Nebenprodukt bei unvollständigen Verbrennungsprozessen entstehend, u.a. auch in Zigarettenrauch.
  • Laut WHO wird Formaldehyd als wahrscheinliches Kanzerogen mittlerer Gefährlichkeit eingestuft.
  • Einstufung der MAK-Komission: Kategorie 4 (Stoffe mit krebserzeugenden Eigenschaften, bei denen ein nicht-genotoxischer Wirkungsmechanismus im Vordergrund steht).
  • Richtwert des Bundesgesundheitsamtes für die Innenraumluft: 0,1 ppm. Reizschwelle: 0,08-1,6 ppm.
  • Bewertung von Formaldehyd hinsichtlich der Auswirkung einer Allergie auf die Minderung der Erwerbsfähigkeit:
    • Formaldehyd gilt als ein primär beruflicher Sensibilisator und weist eine weite, allerdings abnehmende Verbreitung als Desinfektions-, Konservierungs- bzw. Sterilisationsmittel im medizinischen und vor allem technischen Bereich auf. Es ist Ausgangsstoff für Kunststoffe und Kunstharze. In vielen Produktkategorien vertreten, kommt Formaldehyd am häufigsten in Lacken/Farben, Bindemitteln und Reinigungsmitteln vor.
    • Relevante berufliche Expositionen: Arbeitsplätze im Bereich des Gesundheitsdienstes (Hautkontakt mit Flächen- und Instrumentendesinfektionsmitteln), Reinigungsberufe, Maler, Lackierer und verwandte Berufe sowie der metallverarbeitenden Industrie (Konservierungsstoffe von Kühlschmierstoffen) und Kunststoffproduktion.
    • Formaldehydabspalter finden weit verbreitete Anwendung in Körperpflegemitteln und Kosmetika, Farben/Lacken und Polituren, Reinigungsmitteln, in technischen Bereichen sowie gelegentlich in medizinischen Externa. Als Expositionsquellen im beruflichen Umfeld sind insbesondere wassermischbare Kühlschmierstoffe (Konzentrate) und wassergemischte Kühlschmierstoffe (Emulsionen) in der spanabhebenden Metallverarbeitung zu nennen.
  • Auswirkung einer Allergie: "Mittelgradig" bis "schwerwiegend". Die Einschätzung als "schwerwiegend" kann z.B. bei einer hochgradigen Sensibilisierung, d.h. bei Reaktion auf geringe Mengen von Formaldehyd und auf Formaldehydabspalter, begründet sein, da dann davon auszugehen ist, dass für den betroffenen Beschäftigten weitaus mehr Arbeitsplätze entfallen als bei einer schwachgradigen, isolierten Formaldehydsensibilisierung.

Diagnose

  • Nachweis durch die Konzentration an Ameisensäure im Blut, die aber nur während der Expositionszeit sinnvoll ist, da Ameisensäure im Körper schnell abgebaut wird.
  • Nachweis in Material (z.B. Pressspanplatten) und Raumluft sind insbes. bei beruflichem Umgang mit Formaldehyd sinnvoll.

Komplikation

Unerwünschte Nebenwirkungen: U.a. Acne vulgaris, Hustenanfälle, Konzentrationsschwäche, Antriebsverlust, Kopfschmerzen, Appetitmangel, Augenschmerzen, Müdigkeit, Mundtrockenheit und Nervosität. S.a.u. Öko-Syndrom. Darüber hinaus sind starke allergene Wirkungen bekannt (s.u. Kontaktallergie, s.u. Ekzem, Kontaktekzem, allergisches), die zu Typ IV und seltner zu Typ I-Sensibilisierungen führen können.

Therapie

Hinweis(e)

Zulässige Höchstkonzentrationen:

  • Kosmetika: 0,1%
  • Mundpflegemittel: 0,1%
  • Innenräume: 0,1 ppm
  • Spanplatten:
    • E1: max. 0,1 ppm
    • E2: max. 1,0 ppm
    • E3: max. 1,4 ppm.

Literatur
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  3. Diepgen TL, Dickel H, Becker D, Blome O, Geier J, Schmidt A, Schwanitz HJ, Skudlik C, Wagner E, für die Arbeitsgruppe "Bewertung der Allergene bei BK 5101" der ABD in der DDG (2002) Beurteilung der Auswirkung von Allergien bei der Minderung der Erwerbsfähigkeit im Rahmen der BK 5101. Teil I: Acrylate/Methacrylate, Epoxidharz-Systeme, Formaldehyd, Dichromat, Kolophonium, Latex, Nickel, p-Phenylendiamin. Dermatol Beruf Umwelt 50:139-154
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